Muskelschmerzen durch Statine: Forscher entschlüsseln Ursache für häufige Nebenwirkung

Dominik Hübenthal
Statine und Muskelschmerzen: Neue Studie klärt die Ursachen

Statine gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten weltweit. Sie senken effektiv den Cholesterinspiegel und schützen Millionen von Menschen vor Herzinfarkten und Schlaganfällen. Doch für viele Patienten haben die lebensrettenden Pillen einen schmerzhaften Preis: Muskelschwäche, Krämpfe und Schmerzen. Bislang war unklar, warum diese Nebenwirkungen auftreten. Eine neue bahnbrechende Studie bringt nun Licht ins Dunkel.

Wenn der Cholesterinsenker zur Qual wird

Schätzungen zufolge leiden zwischen 7 und 29 Prozent der Patienten, die Statine einnehmen, unter muskulären Nebenwirkungen. Diese Beschwerden – medizinisch als Myopathie bezeichnet – sind der häufigste Grund, warum Betroffene ihre Therapie abbrechen oder die Dosis reduzieren. Bisher tappte die Wissenschaft bei den genauen Ursachen weitgehend im Dunkeln.

Forscher der kanadischen McMaster University haben nun jedoch einen biologischen Mechanismus entschlüsselt, der erklärt, wie Statine das Muskelgewebe angreifen. Die Ergebnisse wurden kürzlich im renommierten Fachjournal Science Advances veröffentlicht.

Gestörte Energieproduktion und eine fatale Immunreaktion

Die neuen Studienergebnisse widerlegen die bisherige Annahme, dass der Cholesterinmangel selbst für die Muskelschäden verantwortlich ist. Stattdessen stellten die Wissenschaftler fest, dass Statine einen bestimmten zellulären Prozess, die sogenannte Prenylierung, stören. Dieser Vorgang ist entscheidend dafür, dass Proteine in den Zellen korrekt an Membranen andocken und funktionieren können.

Wird die Prenylierung in den Muskelzellen blockiert, hat das weitreichende Folgen:

  • Energiemangel: Die Energieproduktion (Glykolyse) in den Muskelzellen wird massiv gestört.
  • Zellulärer Stress: Die Muskelzelle gerät in eine metabolische Gefahrenlage.
  • Immunantwort: Dieser Stress aktiviert das körpereigene Immunsystem – genauer gesagt das sogenannte NLRP3-Inflammasom. Es kommt zu einer entzündlichen Reaktion, die letztlich das Muskelgewebe schädigt.

Hoffnung für Millionen Patienten

Die Erkenntnis, dass nicht die Cholesterinsenkung, sondern eine unerwünschte Immunreaktion für die Muskelschmerzen verantwortlich ist, gilt als medizinischer Durchbruch. In Laborversuchen mit Muskelzellen und Mausmodellen gelang es dem Forscherteam bereits, die muskulären Schäden zu verhindern, indem sie die Immunreaktion gezielt blockierten.

Für Patienten bedeutet das große Hoffnung: Die Trennung von Hauptwirkung (Cholesterinsenkung) und Nebenwirkung (Muskelschäden) rückt in greifbare Nähe. Zukünftige Medikamente oder Begleittherapien könnten die entzündliche Reaktion unterdrücken und Statine somit deutlich verträglicher machen, ohne ihren schützenden Effekt auf das Herz-Kreislauf-System zu schwächen.

Was Betroffene jetzt tun sollten

Experten warnen jedoch davor, Statine bei Muskelschmerzen eigenmächtig abzusetzen. Der Schutz vor lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen überwiegt das Risiko der Nebenwirkungen in den meisten Fällen deutlich. Patienten, die unter Muskelbeschwerden leiden, sollten stattdessen das Gespräch mit ihrem behandelnden Arzt suchen. Oft kann bereits ein Wechsel des Statin-Präparats oder eine Dosisanpassung Linderung verschaffen.

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