Neue S3-Leitlinie: Bessere Versorgung bei Multimorbidität
Die Behandlung von Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen ist oft hochkomplex. Nun hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) gemeinsam mit weiteren Partnern einen wichtigen Meilenstein erreicht: Die S3-Leitlinie zur Multimorbidität wurde grundlegend weiterentwickelt und in eine sogenannte „Living Guideline“ umgewandelt. Für die Praxis bedeutet das, dass die medizinischen und pflegerischen Empfehlungen künftig mindestens einmal jährlich an den neuesten Stand der Wissenschaft angepasst werden.
Warum eine spezielle Leitlinie für Mehrfacherkrankungen?
Wer an drei oder mehr chronischen Krankheiten leidet, gilt in der Medizin als multimorbid. In der Pflege und in Hausarztpraxen ist dies längst keine Ausnahme mehr, sondern die Regel. Das Problem: Die strikte Behandlung nach einzelnen, krankheitsspezifischen Leitlinien führt bei diesen Patienten oft zu einer gefährlichen Überversorgung. Medikamente können sich in ihrer Wirkung gegenseitig negativ beeinflussen, was das Risiko für Schwindel, Stürze oder Verwirrtheit – besonders bei älteren Menschen – drastisch erhöht.
Laut der DEGAM schützt die überarbeitete Leitlinie davor, den Patienten durch eine Vielzahl isolierter Einzeldiagnosen aus den Augen zu verlieren. Anstatt stur Checklisten abzuarbeiten, rückt das „große Ganze“ in den Mittelpunkt der medizinischen und pflegerischen Entscheidungen.
Das Konzept der „Living Guideline“
Die aktuelle Überarbeitung fand im Rahmen eines speziellen Projekts statt, das durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss gefördert wurde. Die Umwandlung in eine lebende Leitlinie (Living Guideline) ist ein bedeutendes Novum, das höchste Aktualität garantiert. Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten haben dadurch stets Zugriff auf die neuesten evidenzbasierten Handlungsempfehlungen, ohne jahrelang auf eine Neuauflage warten zu müssen.
Was ändert sich für Patienten und Pflegekräfte?
Die Neuerungen betreffen vor allem die Struktur der Entscheidungsfindung im Praxis- und Pflegealltag. Zu den wichtigsten Aspekten gehören:
- Ganzheitlicher Ansatz: Ein zentraler Behandlungs-Algorithmus hilft Ärzten und Pflegekräften, den gesamten Menschen zu betrachten und Behandlungsziele besser abzuwägen.
- Vermeidung von Polypharmazie: Ein besonderer Fokus liegt auf der Reduzierung von Medikamenten, die in Kombination mehr schaden als nützen.
- Patientenpräferenzen: Die persönlichen Ziele und die Lebensqualität der Betroffenen stehen im Vordergrund. Maßnahmen, die keinen echten Mehrwert für den Patienten bringen, sollen bewusst vermieden werden.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Die Leitlinie richtet sich nicht nur an Hausärzte, sondern ausdrücklich auch an Pflegende, Physiotherapeuten und Fachärzte, um die gemeinsame Versorgung zu stärken.
Ein Gewinn für den Pflegealltag
Für das Pflegepersonal bedeutet die aktualisierte Leitlinie vor allem mehr Sicherheit und eine Entlastung im Arbeitsalltag. Wenn ärztliche Behandlungspläne besser aufeinander abgestimmt sind und die Medikamentenlast der Patienten reduziert wird, sinkt auch der pflegerische Aufwand bei der Bewältigung von vermeidbaren Nebenwirkungen wie Stürzen. Letztlich profitieren davon vor allem die Patienten, die durch eine maßgeschneiderte, ganzheitliche Therapie deutlich mehr Lebensqualität und Sicherheit gewinnen.
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