Notfallreform in der Kritik: Marburger Bund warnt vor schwerer Fehlsteuerung

Benedikt Hübenthal
Reform der Notfallversorgung: Marburger Bund warnt vor Fehlsteuerung

In den Notaufnahmen der deutschen Krankenhäuser gehört die personelle und organisatorische Überlastung seit Jahren zum Alltag. Um das System nachhaltig zu entlasten, plant die Bundespolitik eine grundlegende Reform der Notfallversorgung. Doch an den aktuellen Plänen gibt es deutliche Kritik von ärztlicher Seite: Der Marburger Bund warnt vor gravierenden Schwachstellen im Gesetzentwurf und befürchtet eine folgenschwere Fehlsteuerung der Patientinnen und Patienten.

Grundsätzliche Zustimmung, aber massive Bedenken im Detail

Deutschlands größter Ärzteverband unterstützt zwar das übergeordnete Vorhaben, die ambulanten und stationären Strukturen enger miteinander zu verknüpfen, sieht in der konkreten Ausgestaltung jedoch erhebliche Risiken. Anlässlich der parlamentarischen Beratungen im Gesundheitsausschuss des Bundestages forderte der Verband zwingende Korrekturen, um das Vertrauen der Hilfesuchenden nicht zu gefährden und das Klinikpersonal spürbar zu entlasten.

Schlüsselfrage Patientensteuerung: Einheitliche Ersteinschätzung gefordert

Ein zentraler Streitpunkt ist die Ersteinschätzung der Hilfesuchenden. Der Marburger Bund kritisiert, dass im aktuellen Entwurf an unterschiedlichen Zugängen – etwa telefonisch über Leitstellen oder direkt vor Ort – voneinander abweichende Verfahren für die Ersteinschätzung vorgesehen sind. Aus Sicht der Mediziner braucht es ein bundesweit einheitliches, verbindliches System:

  • Verlässliche Orientierung: Hilfesuchende müssen unabhängig von der ersten Anlaufstelle nach denselben medizinischen Kriterien gesteuert werden.
  • Gezielte Zuweisung: Nur ein valides Verfahren stellt sicher, dass leichtere Fälle zielgerichtet in Praxen oder Notdienststrukturen geleitet werden, während akut Erkrankte sofort stationär versorgt werden.
  • Entlastung der Notaufnahmen: Unklare Steuerungsinstrumente führen dazu, dass Notfallambulanzen weiterhin als primärer Anlaufpunkt aufgesucht und überlastet werden.

Kritik an Vorgaben für Integrierte Notfallzentren

Auch die Umsetzung der geplanten Integrierten Notfallzentren (INZ), die künftig aus einer Krankenhaus-Notaufnahme und einer vertragsärztlichen Notdienstpraxis mit gemeinsamer Ersteinschätzung bestehen sollen, stößt auf Skepsis. Der Marburger Bund warnt davor, dass wirtschaftliche Kriterien der Kostenträger über die Standorte und Angebote entscheiden könnten. Die Ausgestaltung der Notfallversorgung müsse sich strikt am tatsächlichen medizinischen Bedarf vor Ort und nicht an einseitigen Sparzielen der Krankenkassen orientieren.

Bedeutung für die klinische Pflege und den Klinikalltag

Für Pflegefachpersonen und Ärzteteams in den Notaufnahmen steht bei der Reform viel auf dem Spiel. Eine mangelhafte Vorsteuerung führt unmittelbar dazu, dass Personalressourcen durch nicht-dringliche Behandlungsanlässe gebunden werden. Um die Arbeitsbedingungen in den Kliniken nachhaltig zu verbessern und lebensbedrohliche Notfälle jederzeit schnellstmöglich zu versorgen, drängen Fachverbände darauf, den Gesetzentwurf im weiteren Gesetzgebungsverfahren umfassend nachzubessern.

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