Pflegerat schlägt Alarm: Pflege fordert Schlüsselrolle in der neuen Primärversorgung

Dominik Hübenthal
Primärversorgung: Pflege fordert zentrale Rolle statt Assistenz

Die geplante Einführung eines neuen Primärversorgungssystems ist eines der zentralen gesundheitspolitischen Vorhaben der aktuellen Koalition unter Bundesgesundheitsministerin Nina Warken. Doch während das Bundesgesundheitsministerium (BMG) die Strukturreform vorantreibt, formiert sich deutlicher Widerstand aus den Reihen der Pflege. Der Tenor ist eindeutig: Die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen weigert sich, in künftigen Versorgungsstrukturen lediglich als ärztliche Assistenz abgetan zu werden.

Pflege fordert Anerkennung als eigenständige Profession

In einem aktuellen Positionspapier macht der Deutsche Pflegerat (DPR) unmissverständlich klar, dass die Pflege eine tragende Säule der zukünftigen medizinischen und pflegerischen Grundversorgung sein muss. Das geplante Primärversorgungssystem dürfe nicht ausschließlich auf traditionellen Hausarztpraxen als alleinigen Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten aufbauen.

DPR-Präsidentin Christine Vogler betont in diesem Zusammenhang, dass die Pflege zwingend als eigenständige Profession konsequent in die neuen Strukturen eingebunden werden müsse. Eine Reform, die die weitreichende Kompetenz von Pflegefachpersonen lediglich „am Rand“ behandele, greife angesichts der aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen deutlich zu kurz. Damit positioniert sich die Pflege auch gegen Forderungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die weiterhin auf ein rein primärärztliches System pocht.

Ein neues Berufsbild: Die Advanced Practice Nurse (APN)

Der demografische Wandel und der zunehmende Mangel an Hausärzten – insbesondere in ländlichen Regionen – erfordern neue, innovative Lösungsansätze. Das Bundesgesundheitsministerium plant laut aktuellen Vorhaben noch für das erste Halbjahr 2026 einen Referentenentwurf für ein neues Pflege- und Gesundheitsexperten-Einführungsgesetz. Dieses soll das Berufsbild von hochqualifizierten Pflegekräften auf Masterniveau stärken. International ist es längst üblich, dass diese sogenannten Advanced Practice Nurses eigenverantwortlich Aufgaben übernehmen, die in Deutschland traditionell Ärzten vorbehalten sind. Dazu zählen unter anderem:

  • Die eigenständige Begleitung und Beratung von chronisch kranken Menschen
  • Präventive Hausbesuche und tiefgehende Gesundheitsförderung
  • Die Wundversorgung und das Management von Bagatellerkrankungen
  • Die Steuerung von Patientenpfaden innerhalb des Gesundheitssystems

Mehr Verantwortung bedeutet bessere Versorgung

Wenn Pflegefachpersonen mehr Verantwortung übernehmen dürfen, profitiert in erster Linie die Patientenversorgung. Die Wartezeiten auf Termine könnten sinken, und Ärztinnen sowie Ärzte würden spürbar entlastet, um sich auf komplexe medizinische Fälle zu konzentrieren. Doch dafür müssen die politischen Rahmenbedingungen mutig gestaltet werden.

Der Pflegerat fordert daher nicht nur ein Lippenbekenntnis der Politik, sondern handfeste gesetzliche Verankerungen. Die Pflege will aktiv mitreden und mitgestalten, wenn es um die Konzeption des neuen Primärversorgungssystems geht. Es geht um eine interprofessionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe, bei der ärztliche und pflegerische Expertise Hand in Hand arbeiten, statt in streng hierarchischen Mustern zu verharren.

Ein Weckruf an die Gesundheitspolitik

Die Botschaft an die Koalitionspartner ist klar: Eine zukunftsfähige Primärversorgung kann nur gelingen, wenn das Potenzial der Pflege voll ausgeschöpft wird. Werden die Pflegekräfte bei diesem zentralen Reformvorhaben übergangen oder in alte Rollenbilder zurückgedrängt, vergibt die Politik eine historische Chance, das deutsche Gesundheitssystem nachhaltig und patientennah zu modernisieren.

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