Praxen im Notfallmodus: Ambulanter Sektor mahnt Krisenresilienz an
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer grundlegenden Bewährungsprobe: Was geschieht, wenn flächendeckend der Strom ausfällt, digitale Praxisnetze durch Cyberangriffe lahmgelegt werden oder Katastrophenlagen die Infrastruktur beschädigen? Auf der Herbsttagung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung schlugen Fachleute nun Alarm. Der ambulante Bereich bildet das tragende Fundament der medizinischen Versorgung in Deutschland, ist jedoch auf ernste Krisenszenarien bislang kaum systematisch vorbereitet.
Das Rückgrat der Grundversorgung wackelt im Ernstfall
Mit rund 600 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr schultern die niedergelassenen Praxen die absolute Hauptlast der gesundheitlichen Betreuung. Sollten diese Einrichtungen im Ernstfall ihren Betrieb einstellen müssen, droht den Notaufnahmen und Krankenhäusern der unmittelbare Kollaps. Nach Einschätzung von Experten fehlt es den Praxisteams derzeit jedoch vor allem an verlässlichen Informationsketten, klaren Handlungsanweisungen und der notwendigen Krisenkoordination.
Erhebungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung verdeutlichen, dass eine Vielzahl der Praxen gegenwärtig nicht ausreichend für Notlagen gerüstet ist. Während Kliniken oft über Notstromaggregate und Krisenstäbe verfügen, sind ambulante Praxen und vernetzte Pflegestrukturen bei einem Ausfall von Telefon, Internet und Strom weitgehend auf sich allein gestellt.
Bundeswehr und Ärzte fordern krisenfeste Regelversorgung
Auf der Tagung wurde betont, dass man keine isolierte Krisenmedizin neben dem Alltagsbetrieb schaffen dürfe, sondern eine Regelversorgung brauche, die selbst unter extremem Druck funktionstüchtig bleibe. Sicherheitsrelevante Gefahren wie Cyberattacken, Sabotageakte oder großflächige Infrastrukturausfälle stellen längst keine theoretischen Konstrukte mehr dar, sondern verlangen permanente Wachsamkeit und Vorsorgemaßnahmen.
Um die Widerstandskraft zu steigern, fordern Vertreter der Ärzteschaft eine engere Einbindung der Kassenärztlichen Vereinigungen in die Katastrophenschutzstäbe der Länder und Kommunen. Gleichzeitig wird von der Politik ein rechtlicher Rahmen angemahnt, der es Praxen ermöglicht, auch unter extremen Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben.
Gefahr für Pflegebedürftige und chronisch Kranke
Besonders gravierend sind die potenziellen Folgen für vulnerable Personengruppen. Pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit chronischen Krankheiten sind im Alltag auf eine kontinuierliche medizinische Überwachung und verlässliche Arzneimittelversorgung angewiesen. Fällt diese wohnortnahe Struktur weg, gerät die häusliche Pflege binnen kürzester Zeit in Not.
Für ambulante Einrichtungen und Praxisteams rücken daher pragmatische Vorbereitungsmaßnahmen in den Mittelpunkt:
- Analoge Rückfallebenen: Vorbereitung von Notfallakten und Dokumentationsabläufen auf Papier für den Fall eines IT- oder Netzausfalls.
- Priorisierung von Behandlungen: Klare Leitfäden für Teams, welche Behandlungen bei Engpässen zwingend fortgeführt werden müssen.
- Lokale Notfall-Netzwerke: Engere Absprachen zwischen Hausärzten, Apotheken und ambulanten Pflegediensten im Quartier.
- Erhöhte Eigenvorsorge: Grundvorräte an unverzichtbarem medizinischem Verbrauchsmaterial im Rahmen des rechtlich Zulässigen.
Fazit: Koordination rettet Leben
Ein krisenfestes Gesundheitssystem entscheidet sich nicht allein an den Bettenburgen der Krankenhäuser, sondern an der Haustür der Patientinnen und Patienten. Nur wenn Bund, Länder und ärztliche Selbstverwaltung jetzt verbindliche Informationsstrukturen aufbauen und Praxen gezielt unterstützen, lässt sich die medizinische und pflegerische Grundversorgung auch in schweren Krisen aufrechterhalten.
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