Primärarztsysteme auf dem Prüfstand: Warum die Hausarztpflicht allein keine Wartezeiten verkürzt
Lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind für viele Patienten und Pflegebedürftige ein dauerhaftes Ärgernis. Immer wieder wird als Lösung ein sogenanntes Primärarztsystem diskutiert – also die verpflichtende erste Anlaufstelle beim Hausarzt, bevor ein Spezialist aufgesucht werden darf. Doch eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung dämpft nun die Erwartungen.
Studie widerlegt gängige Annahmen
Laut einer umfassenden Vergleichsstudie der OECD, die durch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gefördert wurde, führt ein solches System nicht automatisch zu einer schnelleren oder besseren medizinischen Versorgung. Auch die oft erhofften finanziellen Einsparungen im Gesundheitswesen stellen sich nicht von allein ein.
Die Experten betonen, dass es vielmehr auf die konkrete Ausgestaltung des Systems ankomme. Insbesondere finanzielle Anreize und die institutionellen Rahmenbedingungen spielen eine entscheidende Rolle für den Erfolg einer solchen Maßnahme.
Der Blick ins Ausland: Wie andere Länder es machen
In den meisten Industrienationen ist das Primärarztsystem bereits etablierter Alltag. In 31 der 38 OECD-Mitgliedstaaten erfolgt der Zugang zur fachärztlichen Ebene hauptsächlich über den Hausarzt. Die Umsetzung variiert jedoch deutlich:
- Verpflichtender Erstkontakt: In 24 Staaten, darunter Großbritannien und Australien, ist der Weg über den Hausarzt zwingend vorgeschrieben (sogenanntes Gatekeeping).
- Freiwillige Steuerung: Sieben Staaten, wie etwa Frankreich und die Schweiz, setzen auf Freiwilligkeit. Hier werden Patienten durch finanzielle Vorteile oder andere Anreize motiviert, zunächst den Hausarzt aufzusuchen.
Kapazitäten entscheiden über Wartezeiten
Warum führt die reine Pflicht zur Überweisung nicht zu kürzeren Zeiten im Wartezimmer? Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass die Dauer bis zu einem Termin primär von den tatsächlichen Kapazitäten der Haus- und Fachärzte abhängt. Zudem ist die generelle Organisation der Versorgung ausschlaggebend. Eine bloße Verhinderung ungesteuerter Facharztbesuche löst demnach nicht das grundlegende Problem fehlender Arztstunden.
Was bedeutet das für das deutsche Gesundheitssystem?
Für die gesundheitspolitische Debatte in Deutschland liefert die Untersuchung wichtige Erkenntnisse. Eine reine Einschränkung der freien Arztwahl wird den Termin-Stau bei Fachärzten nicht auflösen. Wenn es schlichtweg an medizinischem Personal mangelt, hilft auch die strikteste Patientensteuerung nicht weiter.
Für Patienten bleibt zu hoffen, dass künftige Reformen nicht nur an den Symptomen ansetzen, sondern die strukturellen Ursachen des Personalmangels bekämpfen. Nur wenn ausreichend Behandlungskapazitäten zur Verfügung stehen, kann eine Vorab-Steuerung durch den Hausarzt ihren wahren gesundheitsökonomischen Nutzen entfalten.
Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?
PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.

