Reform am Reißbrett: Scharfe Kritik an neuer Strukturkommission Pflege

Benedikt Hübenthal
Strukturkommission Pflege: Scharfe Kritik an fehlender Praxisbeteiligung

Mit hohen Erwartungen hat die Bundesregierung die lang erwartete Strukturkommission für die Pflege eingesetzt. Das hochkarätig besetzte Fachgremium soll tragfähige Lösungen für ein kriselndes System erarbeiten, die Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung stabilisieren und eine grundlegende Pflegereform vorbereiten. Doch kaum hat die Kommission ihre Arbeit aufgenommen, formiert sich deutlicher Widerstand aus der Pflegelandschaft. Der zentrale Vorwurf: In dem beratenden Kreis sitzen renommierte Wissenschaftler, Juristen und Ökonomen – doch die eigentliche Pflegepraxis und das operative Pflegemanagement bleiben außen vor.

Wissenschaft dominiert, die Praxis schaut zu

Die Strukturkommission unter der Doppelspitze von Sozialrechtlerin Gabriele Kuhn-Zuber und Ökonom Georg Cremer vereint hochangesehene Expertise aus Rechts-, Wirtschafts- und Gesundheitswissenschaften. Der Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ist ambitioniert: Bis Anfang 2027 sollen konkrete Maßnahmen vorgelegt werden, um Ausgaben zu steuern, die häusliche Pflege zu stärken und Prävention sowie Rehabilitation besser in den Versorgungsalltag zu integrieren.

Dass unter den 13 Mitgliedern jedoch keine Vertretung der täglichen Pflegepraxis – sei es aus der stationären Langzeitpflege, ambulanten Diensten oder dem Krankenhausbereich – mitentscheidet, stößt bei Fachverbänden auf völliges Unverständnis. Entscheidungen über Strukturen zu fällen, ohne diejenigen einzubinden, die diese Strukturen täglich mit Leben füllen und umsetzen müssen, birgt nach Ansicht vieler Branchenkenner enorme Risiken.

Verbandsspitzen warnen vor bürokratischen Papiertigern

Mit deutlichen Worten meldete sich unter anderem der Bundesverband Pflegemanagement zu Wort. Aus Sicht der Verbandsführung ist es nicht hinnehmbar, dass über die Zukunft der pflegerischen Versorgung debattiert wird, während diejenigen ignoriert werden, die täglich Verantwortung für Personal, Abläufe und Qualitätsstandards tragen. Die Pflegeprofession dürfe nicht erst als Korrektiv gefragt werden, wenn politische Beschlüsse im Grunde schon feststehen.

Die Sorge vor Reformen, die auf dem Papier überzeugend wirken, in der Praxis jedoch an Personalmangel scheitern oder neue bürokratische Hürden aufbauen, ist groß. Pflegemanager und Praxisanleiter betonen immer wieder, dass die Zukunftsfähigkeit der Pflege nicht allein eine Frage von Finanzierungstabellen ist. Ebenso entscheidend sei die Umsetzbarkeit unter den realen Arbeitsbedingungen der Fachkräfte.

Was die Berufsverbände jetzt fordern

Auch große Pflegeorganisationen wie der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe und regionale Pflegebündnisse drängen auf ein schnelles Umsteuern. Aus ihrer Sicht reicht es nicht aus, Praktiker lediglich punktuell anzuhören. Sie fordern:

  • Verbindliche Mitentscheidung: Pflegefachpersonen und Pflegemanager müssen einen festen Sitz am Tisch erhalten, an dem Grundsatzentscheidungen getroffen werden.
  • Blick auf den Berufsalltag: Neue Versorgungs- und Prüfstrukturen müssen vorab darauf abgeklopft werden, ob sie die Pflegekräfte vor Ort tatsächlich entlasten statt belasten.
  • Fokus auf Versorgungsqualität: Einsparpotenziale und Effizienzziele dürfen nicht auf Kosten von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen durchgesetzt werden.
  • Erhalt verlässlicher Rahmenbedingungen: Notwendige Reformen müssen mit guten Arbeitsbedingungen und gesicherten Tarifen Hand in Hand gehen.

Ein straffer Zeitplan bis zum Gesetz

Für die Kommission beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Arbeitsergebnisse sollen zügig in Gesetzentwürfe gegossen werden, damit eine umfassende Strukturreform planmäßig in Kraft treten kann. Ob die Bundespolitik auf die anhaltenden Proteste reagiert und den Kreis der Berater noch um erfahrene Köpfe aus dem Pflegealltag erweitert, ist derzeit offen. Fest steht: Nur wenn eine Reform von den Menschen getragen wird, die täglich am Pflegebett stehen, kann sie das Gesundheitssystem dauerhaft stabilisieren.

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