Sucht in Deutschland: Ärztevertreter fordern radikales Umdenken der Politik
Auf dem 130. Deutschen Ärztetag in Hannover wurde deutlich: Der Umgang mit Suchterkrankungen in Deutschland steht massiv in der Kritik. Führende Mediziner und Delegierte bemängeln, dass die aktuellen politischen Maßnahmen weit hinter dem Stand der Wissenschaft zurückbleiben. Im Zentrum der Debatte stand ein Vortrag von Prof. Dr. med. Norbert Scherbaum, der eindringlich auf die verheerenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen des Suchtmittelkonsums hinwies.
Alarmierende Zahlen zum Alkoholkonsum in Deutschland
Prof. Dr. Norbert Scherbaum, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LVR-Klinik Essen und Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), präsentierte im Rahmen des Ärztetags erschütternde Daten aus dem aktuellen Jahrbuch Sucht 2026. Demnach trinken die Deutschen im Durchschnitt jährlich 10,5 Liter reinen Alkohol pro Kopf. Auch wenn dieser Wert im Vergleich zum Jahr 2012 (12,3 Liter) leicht rückläufig ist, liegt die Bundesrepublik damit weiterhin über dem europäischen Durchschnitt.
- Abhängigkeit: Etwa 2,16 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren gelten hierzulande als alkoholabhängig. Das entspricht 4,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.
- Geschlechterverteilung: Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen (Verhältnis 1,6 zu 1).
- Missbrauch: Weitere 1,7 Millionen Erwachsene betreiben einen gesundheitsschädlichen Alkoholmissbrauch.
- Jugendschutz: Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum liegt bei bedenklichen 15,1 Jahren.
Immense volkswirtschaftliche und soziale Schäden
Laut Prof. Scherbaum ist Sucht schon lange kein Randphänomen mehr, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Die Folgen ziehen sich durch alle Lebensbereiche. Neben massiven gesundheitlichen Einschränkungen für das Individuum nannte der Suchtmediziner weitreichende soziale Folgeschäden wie Arbeitsunfähigkeit, Fehlzeiten, häusliche Gewalt und die Überforderung in der Kindererziehung. Hinzu kommen tragische Konsequenzen im Straßenverkehr: So gab es laut den vorgestellten Daten im Jahr 2024 fast 15.000 Verkehrsunfälle mit alkoholisierten Beteiligten, bei denen 198 Menschen ihr Leben verloren.
Auch die finanzielle Belastung für die Gesellschaft ist enorm. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die allein durch den Alkoholkonsum entstehen, bezifferte Scherbaum auf rund 57 Milliarden Euro jährlich. Davon entfallen über 16 Milliarden Euro direkt auf das Gesundheitssystem für behandlungsbezogene Kosten.
Ärzteschaft fordert wirkungsvolle Verhältnisprävention
Aus Sicht der Delegierten des Deutschen Ärztetags ist die Suchtpolitik in Deutschland in vielen Bereichen widersprüchlich. In einem verabschiedeten Forderungskatalog an die Politik wird ein sofortiges Umdenken verlangt. Bisher setze der Staat zu stark auf die sogenannte Verhaltensprävention – also die Aufklärung des Einzelnen. Die Experten fordern jedoch vehement den Ausbau der Verhältnisprävention.
Darunter fallen strukturelle Maßnahmen, die den Zugang zu Suchtmitteln erschweren und Anreize minimieren. Dazu gehören beispielsweise Einschränkungen bei der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Alkohol rund um die Uhr sowie strengere Regulierungen bei der Werbung. Nur wenn Verhaltens- und Verhältnisprävention Hand in Hand gehen, ließen sich Konsum und gesundheitliche Ungleichheiten langfristig senken.
Kritik an der Bundesregierung
Für Unmut unter den anwesenden Medizinern sorgte zudem das Verhalten der politischen Vertreter. Der Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Hendrik Streeck, hatte zwar einen Vortrag gehalten, stand der Ärzteschaft im Anschluss jedoch nicht mehr für eine tiefgehende Diskussion zur Verfügung. Dies hinterließ bei vielen Delegierten den Eindruck, dass die Dringlichkeit des Themas auf politischer Ebene noch immer nicht vollständig erkannt wird.
Die Botschaft der Mediziner aus Hannover bleibt unmissverständlich: Um die verheerenden Auswirkungen von Suchterkrankungen einzudämmen, bedarf es mutiger politischer Entscheidungen und einer konsequenten, wissenschaftsbasierten Präventionsstrategie.
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