TK-Chef Jens Baas fordert Ende von gesetzlicher und privater Kasse

Dominik Hübenthal
Krankenversicherung: TK-Chef Baas will GKV und PKV abschaffen

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor gewaltigen finanziellen Herausforderungen, und die Debatte über eine gerechte Finanzierung tritt seit Jahren auf der Stelle. Nun sorgt der Chef von Deutschlands mit Abstand größter Krankenkasse für einen Paukenschlag: Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), plädiert für einen radikalen Schnitt im System. In einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel forderte Baas, sowohl die private Krankenversicherung (PKV) als auch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in ihrer jetzigen Form abzuschaffen.

Schluss mit parteipolitischen Grabenkämpfen

Die Trennung zwischen gesetzlich und privat Versicherten wird von vielen Bürgern seit Langem als Gerechtigkeitsproblem wahrgenommen. Dennoch verharre die Politik in starren Ritualen, kritisiert der Kassenchef. Während das eine Lager reflexartig nach einer Bürgerversicherung rufe, blockiere die Gegenseite jegliche Veränderung. Aus Sicht von Baas führt dieses Festhalten an gewohnten Positionen in eine Sackgasse. Stattdessen schlägt er vor, die bisherigen Systeme komplett aufzulösen und eine völlig neue Struktur aufzubauen, die die Vorzüge beider Seiten miteinander kombiniert.

Was von der gesetzlichen Kasse erhalten bleiben soll

Nach den Vorstellungen des TK-Chefs darf ein zukunftsfähiges System tragende Säulen der heutigen gesetzlichen Krankenversicherung keinesfalls aufgeben. Dazu zählen insbesondere:

  • Verzicht auf Risikoprüfung: Niemand darf wegen Vorerkrankungen, Alter oder individueller Gesundheitsrisiken abgewiesen oder mit unbezahlbaren Risikozuschlägen belegt werden.
  • Freie Kassenwahl: Versicherte müssen jederzeit das Recht haben, unkompliziert zu einem anderen Anbieter zu wechseln – ein Mechanismus, der in der PKV wegen des Verlusts von Rückstellungen praktisch kaum existiert.
  • Keine Gewinnausschüttung: Das Geld aus Beiträgen muss vollständig der Versorgung dienen; private Gewinne dürfen nicht aus den Kassenbeiträgen abgeschöpft werden.
  • Verlässliche Leistungsstandards: Es braucht klare, einheitliche Vorgaben darüber, welche medizinischen und therapeutischen Basisleistungen garantiert abgedeckt sind.

Welche Stärken der privaten Kassen übernommen werden sollten

Gleichzeitig sieht Baas in der privaten Absicherung deutliche Vorteile, die dem bisherigen GKV-System fehlen. Ein zentraler Punkt ist die Unabhängigkeit vom staatlichen Haushalt. Die kapitalgedeckten Altersrückstellungen der Privaten sind rechtlich geschützt – der Staat kann nicht einfach auf diese Reserven zugreifen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Dieser finanzielle Schutzmechanismus sei unverzichtbar, um die steigenden Ausgaben durch den demografischen Wandel abzufedern.

Zudem verfügen Privatversicherer über weitaus flexiblere Möglichkeiten, individuelle Verträge mit Ärzten, Kliniken und Therapeuten auszuhandeln. Da die einzelnen privaten Gesellschaften für eine flächendeckende Steuerung jedoch oft zu klein sind, könnte dieser Hebel in einem gemeinsamen Gesamtsystem viel effektiver genutzt werden, um Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu verbessern.

Wegweisender Impuls für Patienten und Pflegebedürftige

Der Vorstoß aus Hamburg kommt zu einem Zeitpunkt, an dem steigende Zusatzbeiträge und finanzielle Engpässe in der Kranken- und Pflegeversicherung die Versicherten immer stärker belasten. Ob die Bundespolitik bereit ist, über ein solches Modell ernsthaft zu verhandeln, bleibt offen. Baas' Vorschlag zeigt jedoch deutlich, dass Reformen im Gesundheitswesen nicht länger an überholten Systemgrenzen haltmachen dürfen, wenn die medizinische Versorgung und die Pflege auch künftig bezahlbar und solidarisch bleiben sollen.

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