Wirtschaft schlägt Alarm: Warum die neue Teilkrankschreibung heftig umstritten ist

Dominik Hübenthal
Teilkrankschreibung ab 2028: Massive Kritik von Unternehmen & Ärzten

Ab dem 1. Januar 2028 soll sie in Deutschland Realität werden: die Teilkrankschreibung. Das Modell sieht vor, dass Arbeitnehmer bei längeren Erkrankungen nicht mehr zwingend vollständig ausfallen, sondern schrittweise – etwa zu 25, 50 oder 75 Prozent – in den Beruf zurückkehren können. Doch was in der Theorie nach einem flexiblen Kompromiss für die Gesundheit der Beschäftigten klingt, stößt in der Praxis auf massiven Widerstand.

Wenig Begeisterung in den Personalabteilungen

Eine aktuelle Befragung des ifo Instituts in Zusammenarbeit mit dem Personaldienstleister Randstad verdeutlicht die Skepsis in der Wirtschaft. Demnach hält fast die Hälfte der befragten Unternehmen die geplante Teilkrankschreibung für nicht sinnvoll. Lediglich jedes vierte Unternehmen bewertet den Vorstoß als hilfreich, während weitere 25 Prozent dem Instrument neutral gegenüberstehen.

Besonders die praktische Umsetzung bereitet den Personalverantwortlichen Kopfzerbrechen. Laut den Forschern des ifo Instituts befürchten die meisten Betriebe eine äußerst schwierige Abgrenzung zwischen Arbeitsfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit. Zudem wird ein erheblicher organisatorischer Mehraufwand erwartet.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Umfrage im Überblick:

  • Keine positiven Effekte: Rund 48 Prozent der Unternehmen erwarten durch die Neuregelung keine wesentlichen Verbesserungen für ihren Betriebsablauf.
  • Unklare Grenzen: 76 Prozent sehen die größte Herausforderung darin, den Gesundheitszustand und die entsprechende Einsatzfähigkeit der Mitarbeiter klar zu definieren.
  • Branchenspezifische Hürden: Während 55 Prozent der Betriebe eine Umsetzung im administrativen Bereich (Verwaltung) für machbar halten, gilt das Modell in der Produktion, der Logistik oder auch in der Pflege als kaum realisierbar. Knapp ein Drittel der Unternehmen gab sogar an, dass eine Teilkrankschreibung bei ihnen generell nicht sinnvoll umsetzbar wäre.

Auch die Ärzteschaft übt scharfe Kritik

Nicht nur Arbeitgeber, auch Mediziner sehen die Pläne kritisch. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor einem unangemessenen administrativen Aufwand für die Praxen. Ein zentrales Problem: In vielen Fällen können Ärztinnen und Ärzte die konkrete Arbeitssituation und die physische wie psychische Belastung am Arbeitsplatz der Patienten gar nicht detailliert genug einschätzen, um eine prozentuale Arbeitsfähigkeit seriös festzulegen. Die Verantwortung für die finale Ausgestaltung der Teilkrankschreibung müsse daher zwischen dem Beschäftigten und dem Unternehmen geklärt werden, so der Tenor aus der Ärzteschaft.

Hoffnung auf schnellere Rückkehr

Trotz der breiten Kritik gibt es auch positive Stimmen. Etwa ein Drittel der befragten Unternehmen hofft, dass die Teilkrankschreibung zu kürzeren Fehlzeiten führt und eine schnellere, schonendere Rückkehr von erkrankten Mitarbeitern in den Arbeitsalltag ermöglicht. Das Modell richtet sich insbesondere an Versicherte, die voraussichtlich länger als vier Wochen arbeitsunfähig sind. Voraussetzung für die stufenweise Rückkehr ist stets die freiwillige Zustimmung von Arzt, Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Bis zur geplanten Einführung im Jahr 2028 bleiben jedoch noch viele Fragen offen. Die genauen Details der Regelung müssen nun vom Gemeinsamen Bundesausschuss ausgearbeitet werden. Es bleibt abzuwarten, ob die massiven Bedenken aus Wirtschaft und Medizin in der finalen Ausgestaltung noch ausreichend Gehör finden.

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