Wissenschaftsakademien fordern Paradigmenwechsel: Wie Daten fast die Hälfte aller Demenzfälle verhindern könnten

Djamal Sadaghiani
Demenzprävention durch Daten: Neue Strategie der Wissenschaftsakademien

Die Diagnose Demenz ist für viele Menschen ein Schreckensszenario. Doch der geistige Verfall ist keineswegs ein unausweichliches Schicksal des Älterwerdens. In einer wegweisenden Stellungnahme rufen die führenden deutschen Wissenschaftsakademien – Leopoldina, acatech und die Akademienunion – nun zu einem radikalen Umdenken auf. Ihr zentrales Anliegen: Eine datengetriebene Demenzprävention, die das Potenzial hat, die rasant steigenden Fallzahlen drastisch zu senken.

Alarmierende Prognosen und enorme Kosten

Die aktuellen Zahlen sind besorgniserregend. Laut Schätzungen lebten im Jahr 2023 rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Demenzerkrankung. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen könnte diese Zahl bis zum Jahr 2050 auf 2,7 Millionen ansteigen – ein Zuwachs von satten 50 Prozent. Schon heute belaufen sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten auf über 80 Milliarden Euro jährlich. Da eine heilende Therapie nach wie vor nicht in Sicht ist, rückt die Prävention unweigerlich in den Fokus der Medizinforschung.

Fast die Hälfte aller Demenzfälle ist vermeidbar

Die gute Nachricht: Demenz ist nur zu einem geringen Teil erblich bedingt. Laut der Leiterin der Akademien-Arbeitsgruppe, Prof. Dr. Svenja Caspers, ließen sich bis zu 45 Prozent aller Erkrankungen durch gezielte Vorbeugung verhindern. Die Wissenschaft hat mittlerweile 14 beeinflussbare Risikofaktoren identifiziert. Dazu zählen unter anderem:

  • Bluthochdruck und Diabetes
  • Bewegungsmangel und Übergewicht
  • Hörverlust und Sehbeeinträchtigungen
  • Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum
  • Soziale Isolation und Depressionen
  • Luftverschmutzung

Trotz dieses Wissens werden die Möglichkeiten der Prävention bisher bei Weitem nicht ausgeschöpft. Das Hauptproblem liegt in der fehlenden Verknüpfung von Gesundheitsdaten.

Der Schlüssel liegt in der Datennutzung

Um individuelle Risikoprofile zu erstellen und maßgeschneiderte Präventionsmaßnahmen anzubieten, fordern die Experten ein nationales Datenökosystem. Derzeit scheitert die Forschung oft an isolierten Datensilos. Die Krankenkassen besitzen Abrechnungsdaten, Kliniken verfügen über bildgebende Verfahren – doch eine Zusammenführung findet kaum statt. Die Akademien bemängeln insbesondere das Fehlen einer eindeutigen persönlichen Identifikationsnummer im Gesundheitswesen, die in anderen Ländern längst Standard ist und die sichere Verknüpfung medizinischer Informationen ermöglicht.

Zweistufiges Screening und eine nationale Gesundheits-App

Ein konkreter Lösungsansatz der Wissenschaftsakademien ist die Einführung eines zweistufigen Demenzrisiko-Screenings im Versorgungsalltag. Zunächst sollen Menschen mit erhöhtem Risiko durch einfache, kostengünstige Verfahren identifiziert werden. In einem zweiten Schritt könnten dann spezifische Diagnostiken eingeleitet werden.

Zudem plädieren die Forscher für die Entwicklung einer nationalen Forschungs- und Präventions-App. Diese soll nicht nur aufklären, sondern sogenannte digitale Biomarker erfassen – beispielsweise durch die Analyse von Sprachmustern oder gezielte Fragebögen. So könnten frühe kognitive Veränderungen erkannt werden, noch bevor erste offensichtliche Symptome auftreten.

Von der Angst zur Gehirngesundheit

Die Experten fordern auch einen sprachlichen und psychologischen Paradigmenwechsel. Anstatt sich von der Angst vor dem geistigen Verfall leiten zu lassen, sollte der Fokus auf dem positiven Erhalt der Gehirngesundheit liegen. Die bisherige Nationale Demenzstrategie, so die Forderung, müsse ab 2026 in eine Dekade für Gehirngesundheit überführt werden. Klar ist dabei: Prävention ist keine Frage des hohen Alters. Wer sein Demenzrisiko effektiv senken will, sollte bereits in jüngeren Jahren den Grundstein für ein gesundes Gehirn legen.

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