20 Jahre open.med: Deutlicher Anstieg bei Patienten ohne Krankenversicherung

Benedikt Hübenthal
20 Jahre open.med München: Rekordzahl bei Patienten ohne Krankenversicherung

Immer mehr Menschen in Deutschland fallen durch das Raster des regulären Gesundheitssystems. Nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte der Welt e.V. hat sich die Lage für Personen ohne Krankenversicherung in den vergangenen Jahren spürbar zugespitzt. Deutlich wird dies an der Münchner Praxis „open.med“, die seit mittlerweile zwei Jahrzehnten als medizinisches Auffangnetz fungiert und derzeit einen historischen Höchststand an Hilfesuchenden verzeichnet.

Historischer Rekord bei Konsultationen und gravierende Krankheitsbilder

Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 suchten 667 Patientinnen und Patienten die Einrichtung auf. In über 2.000 Konsultationen leistete das Team medizinische Akuthilfe und sozialrechtliche Beratung – so viele wie noch nie zuvor in einem ersten Halbjahr. Über die vergangenen 20 Jahre hinweg hat sich die Zahl der Behandlungen mehr als verzehnfacht.

Neben den reinen Zahlen bereitet den Verantwortlichen vor allem die zunehmende Schwere der medizinischen Fälle Sorge. Viele Betroffene zögern den Arztbesuch aus Angst, Scham oder Unwissenheit über Monate oder gar Jahre hinaus. Das medizinische Personal berichtet von schwer infizierten Wunden, verschleppten chronischen Krankheiten und massiven psychischen Belastungen.

Wer sind die Menschen ohne Versicherungsschutz?

Die Gründe für das Fehlen einer Absicherung im Krankheitsfall sind vielschichtig. Die Praxis und der mobile Behandlungsbus werden von ganz unterschiedlichen Personengruppen aufgesucht:

  • Wohnungslose Menschen: Prekäre Lebensverhältnisse auf der Straße führen häufig zu schwerwiegenden Wundinfektionen und Verwahrlosung.
  • Bürgerinnen und Bürger aus EU-Staaten: Fast ein Drittel der Hilfesuchenden stammt aus dem EU-Ausland und verfügt über keinen regulären Krankenversicherungsschutz in Deutschland.
  • Selbstständige und Erwerbstätige: Auch Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit geraten bei Einkommenseinbrüchen oft in Zahlungsrückstände bei Krankenkassenbeiträgen und verlieren ihren vollen Versicherungsschutz.
  • Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus: Aus Furcht vor behördlichen Konsequenzen meiden sie die reguläre Regelversorgung vollständig.

Zwischen Notversorgung und Rückkehr in die Regelversorgung

Die Hilfsangebote beschränken sich nicht allein auf die akute medizinische Erstversorgung in Sprechstunden für Allgemeinmedizin, Gynäkologie oder Pädiatrie. Ein zentraler Pfeiler der Arbeit ist die sogenannte Clearing- und Sozialberatung. Ziel ist es, bürokratische Barrieren abzubauen und Patientinnen und Patienten wieder dauerhaft in die gesetzliche oder private Krankenversicherung einzugliedern.

Trotz der Erfolge in der Einzelfallhilfe appellieren Hilfsorganisationen weiterhin an die Politik, strukturelle Zugangsbarrieren im Gesundheitssystem grundlegend abzubauen, um gesundheitliche Chancengleichheit für alle Menschen sicherzustellen.

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