Attest ab Tag eins? Warum schärfere Regeln zu längeren Ausfällen führen

Dominik Hübenthal
Attestpflicht ab Tag 1: Mehr Fehltage statt weniger Krankmeldungen?

In der Debatte um hohe Krankenstände und wirtschaftliche Einbußen wird immer wieder eine Verschärfung der Regeln gefordert: Arbeitnehmer sollen sich bereits ab dem allerersten Krankheitstag ein ärztliches Attest holen. Doch was als Hebel gegen angebliche Fehlzeiten gedacht ist, könnte das Problem in der Realität sogar spürbar verschärfen. Eine neue Erhebung zeigt, dass eine solche Vorschrift gegenteilige Effekte auslösen dürfte.

Umfrage offenbart unerwünschten Bumerang-Effekt

Wer mit einer leichten Erkältung oder Magenverstimmung eigentlich nur ein bis zwei Tage Ruhe bräuchte, müsste bei einer strikten Attestpflicht sofort eine Arztpraxis aufsuchen. Einer aktuellen YouGov-Befragung im Auftrag des Sozialverbands VdK zufolge gaben rund 21 Prozent der Befragten an, dass sie sich in einem solchen Fall vorsorglich für einen längeren Zeitraum krankschreiben lassen würden. Der Grund liegt auf der Hand: Beschäftigte wollen vermeiden, bei anhaltendem Unwohlsein nach wenigen Tagen erneut das volle Wartezimmer aufsuchen zu müssen.

Die Folge dieser Praxis wäre paradox: Anstatt nach einem Tag der Erholung wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren, blieben viele Arbeitnehmer für eine volle Woche oder länger krankgeschrieben. Die Gesamtzahl der Fehltage im Betrieb würde somit unweigerlich steigen.

Enorme Belastung für Hausarztpraxen und Wartezimmer

Neben den betrieblichen Auswirkungen warnt der Sozialverband vor den Folgen für die ambulante Versorgung. Schon jetzt arbeiten Hausarztpraxen und medizinisches Fachpersonal am Limit. Müsste jede noch so kurze Unpässlichkeit bürokratisch mit einem Attest belegt werden, käme es zu einem massiven Ansturm auf die Praxen.

  • Erhöhter bürokratischer Aufwand: Ärztinnen und Ärzte würden wertvolle Behandlungszeit für Routine-Bescheinigungen verlieren.
  • Infektionsrisiko in Wartezimmern: Patientinnen und Patienten mit leichten Beschwerden treffen auf schwerer Erkrankte und stecken sich möglicherweise zusätzlich an.
  • Zusätzliche Hürden für Pflegekräfte: Beschäftigte in Schicht- und Pflegeberufen geraten unter noch größeren Druck, Termine bei ohnehin ausgelasteten Praxen zu ergattern.

Vertrauen statt Bürokratie gefordert

Der VdK plädiert daher eindringlich dafür, das bewährte System der Karenztage beizubehalten, bei dem die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Regel erst ab dem vierten Krankheitstag vorgelegt werden muss. Statt Misstrauen und bürokratischen Kontrollen brauche es gesunde Arbeitsbedingungen, verlässliche Arbeitszeiten und ein offenes Betriebsklima. Nur so lasse sich der Krankenstand langfristig wirksam und nachhaltig senken.

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