Attestpflicht ab erstem Krankheitstag: Arbeitsministerin Bas stellt Sinn infrage

Djamal Sadaghiani
Attest ab Tag 1: Bundesarbeitsministerin Bas zweifelt an Reform

In der Debatte um verschärfte Regeln für Krankmeldungen wächst der Widerstand aus der Politik. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas stellt die im Koalitionsvertrag vereinbarte Pflicht zur Vorlage eines ärztlichen Attests ab dem ersten Fehltag deutlich infrage. Wenn ein Gesetz nur durch zahllose Sonderregeln funktioniere, müsse dessen grundsätzliche Notwendigkeit überdacht werden.

Zu viele Ausnahmen machen Neuregelung fragwürdig

Die geplante Regelung sieht vor, dass Beschäftigte künftig nicht mehr wie bisher meist erst ab dem vierten Tag, sondern direkt am ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) einreichen müssen. Ministerin Bas warnte jedoch vor den praktischen Konsequenzen und einem drohenden bürokratischen Wirrwarr. Wenn man eine Pflicht einführe und anschließend Dutzende Ausnahmen formulieren müsse – etwa für tarifgebundene Betriebe –, stelle sich die berechtigte Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert dieser Maßnahme.

Die SPD habe dem Vorhaben bei den Koalitionsverhandlungen nur mit Zähneknirschen zugestimmt, um Einschnitte wie Karenztage oder Kürzungen bei der Lohnfortzahlung abzuwenden. Bas kündigte an, Umsetzungspläne erst dann voranzutreiben, wenn auch flankierende Maßnahmen wie eine garantierte zeitnahe Arztterminvergabe verlässlich geregelt seien.

Sorge vor vollen Praxen und längeren Fehlzeiten

Neben der Ministerin äußern auch Mediziner und Wissenschaftler erhebliche Bedenken gegen den Zwang zum sofortigen Arztbesuch. Wer sich mit einem leichten Infekt oder einer Magenverstimmung eigentlich nur ein bis zwei Tage im Bett auskurieren müsste, wird gezwungen, sich ins Wartezimmer zu setzen. Dies birgt gleich mehrere Risiken:

  • Überlastung der Praxen: Ärztinnen und Ärzte müssten zusätzliche Termine für Bagatellfälle vergeben, was die Wartezeiten für schwer erkrankte Menschen verlängert.
  • Gefahr von Ansteckungen: In vollen Wartezimmern steigt das Risiko, andere Patientinnen und Patienten – darunter auch chronisch Kranke oder ältere Pflegebedürftige – mit saisonalen Viren anzustecken.
  • Tendenziell längere Ausfallzeiten: Die Praxis zeigt, dass Ärzte bei einem persönlichen Praxisbesuch meist vorausschauend für mehrere Tage oder eine ganze Woche krankschreiben, anstatt lediglich für einen einzelnen Tag.

Kritik auch aus der Wirtschaft

Selbst aus Kreisen der Wirtschaftsforschung gibt es Zweifel am Nutzen des Vorhabens. Studien arbeitgebernaher Institute deuten darauf hin, dass eine starre Attestpflicht ab Tag eins das Vertrauensverhältnis im Betrieb belasten und den Verwaltungsaufwand für Unternehmen sogar erhöhen könnte. Viele Firmen setzen bewusst auf Vertrauen und Flexibilität, um den Krankenstand gering und die Mitarbeiterzufriedenheit hochzuhalten.

Ob die Neuregelung wie geplant Gesetz wird oder im parlamentarischen Verfahren grundlegend nachgebessert wird, bleibt abzuwarten. Die Diskussion um die richtige Balance zwischen Arbeitnehmerschutz, Praxisentlastung und Vertrauenskultur dürfte die Koalition in den kommenden Wochen weiter intensiv beschäftigen.

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