Europas Gesundheitssysteme unter Druck: Ärzte fordern massiven Ausbau der Krisenvorsorge

Dominik Hübenthal
Europäische Krisenvorsorge: BÄK & KBV fordern Ausbau im Gesundheitswesen

Die internationale Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Kriege, hybride Bedrohungen, Cyberangriffe und klimabedingte Extremwetterereignisse stellen die europäischen Gesundheitssysteme vor beispiellose Herausforderungen. Um auf diese neuen Gefahren vorbereitet zu sein, fordern die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nun einen massiven Ausbau der europäischen Krisenvorsorge im Gesundheitswesen.

Nicht mehr das Ob, sondern das Wie entscheidet

Auf einer hochkarätig besetzten Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der Europäischen Kommission und des Europäischen Auswärtigen Dienstes machten die Ärztevertreter deutlich, dass die Zeit des Zögerns vorbei sein müsse. Laut BÄK-Präsident Dr. Klaus Reinhardt gehe es längst nicht mehr um die Frage, ob Europa eine gemeinsame Krisenvorsorge benötige, sondern vielmehr darum, wie diese in der Praxis wirksam umgesetzt werden könne.

Ein zentraler Baustein hierfür seien regelmäßige und realistische Krisenübungen. Diese Simulationen dürfen laut Reinhardt nicht an institutionellen oder nationalen Grenzen enden. Vielmehr müssen alle relevanten Akteure des Gesundheitswesens nahtlos in die Planungen einbezogen werden:

  • Krankenhäuser und Kliniken
  • Niedergelassene Arztpraxen
  • Apotheken
  • Medizinische Labore

Nur wenn diese Übungen ehrlich ausgewertet und entsprechende Lehren daraus gezogen würden, lasse sich ein echter Kreislauf aus Planung, Übung und Verbesserung etablieren, der letztlich zu einer robusten Resilienz führe.

Forderung nach europaweiten Versorgungsstrukturen

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung pocht auf weitreichende strukturelle Veränderungen. Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, betonte die Dringlichkeit europaweiter Strukturen. Im Krisenfall müsse die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten und medizinischen Materialien grenzüberschreitend sichergestellt sein. Zudem bedürfe es resilienter Kommunikations- und Energienetze, um den Betrieb von Gesundheitseinrichtungen unter extremen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei die faire Lastenverteilung. Wenn in bestimmten Regionen durch eine Krise plötzlich deutlich mehr Patienten versorgt werden müssten, brauche es ein gemeinsames Lagebild, um die Auslastung an die jeweilige regionale Leistungsfähigkeit anzupassen.

Medizinisches Personal als Partner einbinden

Ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Krisenvorsorge ist das Personal. Ärzte und Pflegekräfte wissen aus ihrer täglichen Arbeit genau, wo die Schwachstellen im System liegen, wenn dieses unter Druck gerät. Daher fordern die Vertreter der Ärzteschaft, dass medizinisches Fachpersonal von Anfang an nicht nur als Beteiligte, sondern als gleichberechtigte Partner in die europäische Krisenvorsorge eingebunden wird.

Dass hierbei auch ein gesellschaftlicher Wandel notwendig ist, unterstrich Sandra Gallina, Generaldirektorin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit bei der Europäischen Kommission. Sie wies darauf hin, dass das öffentliche Bewusstsein für die veränderte und verschärfte Bedrohungslage aktuell noch nicht ausreiche. Eine starke, grenzüberschreitende Resilienz kann jedoch nur gelingen, wenn Politik, medizinisches Personal und die Gesellschaft an einem Strang ziehen.

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