Gesundheitssysteme weltweit alarmierend schlecht auf Krisen vorbereitet
Alternde Gesellschaften, chronischer Personalmangel und geopolitische Spannungen setzen medizinische Einrichtungen rund um den Globus unter beispiellosen Druck. Ausgerechnet vor den größten absehbaren Herausforderungen versagt jedoch die Vorsorge: Viele Gesundheitssysteme sind strukturell unzureichend darauf vorbereitet, akute Erschütterungen abzufedern. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt die achte Ausgabe der internationalen Studienreihe „Future of Health“ der Strategieberatung Roland Berger.
Das Paradoxon: Höchste Risiken treffen auf schwächste Vorbereitung
Für die weltweite Erhebung wurden knapp 500 Führungskräfte und Experten aus Politik, Kostenträgern, medizinischen Versorgungsbetrieben sowie der Pharma- und Medizintechnikbranche befragt. Rund 81 Prozent von ihnen erwarten, dass die Resilienz – also die Widerstandskraft von Versorgungsnetzwerken im Krisenfall – drastisch an Bedeutung gewinnen wird. In Deutschland liegt dieser Wert mit 86 Prozent sogar noch spürbar höher.
Besorgniserregend ist die Schere zwischen Problembewusstsein und realer Vorsorge. Als die gravierendsten Belastungsfaktoren stuften die Befragten den demografischen Wandel, den Fachkräftemangel in Pflege und Medizin sowie geopolitische Konflikte ein. Doch genau bei diesen Kernrisiken fällt das Urteil über die eigene Vorbereitung am schlechtesten aus. Bemerkenswert: Kein einziger der befragten Experten hält sein jeweiliges nationales System für uneingeschränkt gerüstet, um geopolitisch bedingte Verwerfungen oder Ausfälle in globalen Lieferketten abzufangen.
Pflege am Limit: System belohnt Auslastung statt Puffer
Die Studie legt einen gravierenden Konstruktionsfehler im Gesundheitswesen offen. Bisherige Vergütungs- und Finanzierungsmodelle honorieren vor allem die maximale Auslastung von Kapazitäten und durchgeführte Behandlungen. Freie Betten, Vorratshaltung bei essenziellen Medikamenten oder Personalkapazitäten, die im Ernstfall flexibel eingesetzt werden können, gelten rein betriebswirtschaftlich oft als ineffizient und teuer.
Gerade in der Pflege führt dieser Sparzwang zu fatalen Konsequenzen: Schon unter regulären Bedingungen arbeiten Pflegekräfte in Kliniken und Heimen an der Belastungsgrenze. Treten Schocksituationen wie Pandemiewellen, Lieferengpässe oder Infrastrukturausfälle auf, fehlt jeglicher Spielraum, um Mehrbelastungen aufzufangen.
Was die Experten fordern: Resilienz als feste Daueraufgabe
Eine breite Mehrheit von 73 Prozent der Branchenkenner fordert daher ein radikales Umdenken. Investitionen in Widerstandskraft und Prävention müssen Vorrang vor kurzfristigen Sparzielen erhalten. Als größte Hindernisse für den Wandel gelten jedoch enge finanzielle Rahmenbedingungen und überbordende regulatorische Vorgaben.
Fachleute mahnen an, dass Krisenresilienz kein Schalter sein darf, den Entscheidungsträger erst im Ernstfall umlegen. Notwendige Schutzmaßnahmen müssen im Versorgungsalltag dauerhaft finanziert und personell unterlegt sein:
- Entlastung und Stärkung des Personals: Gezielte Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, um Arbeitsbedingungen spürbar zu verbessern und Fluktuation einzudämmen.
- Sichere Lieferketten: Verlässliche Bevorratung mit Schutzbekleidung, medizinischen Hilfsmitteln und Arzneimitteln direkt vor Ort.
- Digitalisierung und Frühwarnung: Moderne IT-Systeme und automatisierte Prozesse, um Versorgungsengpässe frühzeitig zu erkennen und das Pflegepersonal bürokratisch zu entlasten.
- Klare Verantwortlichkeiten: Feste Zuständigkeiten bei Leistungserbringern und öffentlichen Institutionen, damit im Krisenfall verlässliche Notfallpläne greifen.
Um die ambulante und stationäre Pflege zukunftssicher aufzustellen, müssen Politik und Träger rasch handeln. Wer Reservekapazitäten und Schutzmechanismen erst dann aufbauen will, wenn das Versorgungssystem bereits überlastet ist, reagiert schlichtweg zu spät.
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