Hausärzte fordern mentalen Kurswechsel im Gesundheitssystem

Djamal Sadaghiani
Primärversorgung vor Reform: Hausärzte fordern neues Denken

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor tiefgreifenden Weichenstellungen. Während politische Reformen zur Neuordnung der ambulanten Versorgung Gestalt annehmen, wächst in der Praxis die Sorge vor bürokratischen Hürden und starren Denkweisen. Anlässlich des Hausärztinnen- und Hausärztetages wurde deutlich: Für ein funktionierendes, zukunftssicheres Primärversorgungssystem reicht eine reine Gesetzesreform nicht aus – es bedarf eines grundlegenden mentalen Kurswechsels bei allen Beteiligten.

Primärversorgung neu denken: Vom Behandeln zum Steuern

Die ambulante Medizin stößt seit Jahren an Kapazitätsgrenzen. Überfüllte Praxen, lange Wartezeiten auf Facharzttermine und überlastete Notaufnahmen zeigen, wie dringend ein koordinierendes System benötigt wird. Die Hausarztpraxen sollen künftig noch stärker als zentrale Anlaufstelle und Lotse für Patientinnen und Patienten fungieren.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Kostenträger, Fachärzte und Gesundheitspolitik die koordinierende Rolle der Primärversorger uneingeschränkt anerkennen und unterstützen. Statt Einzelinteressen zu verteidigen, müsse die ganzheitliche Steuerung des Patientenpfads im Mittelpunkt stehen, um Fehl- und Doppeluntersuchungen zu vermeiden und Ressourcen zielgerichtet einzusetzen.

Mehrwert für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige

Eine gestärkte Primärversorgung hat direkte Auswirkungen auf die Pflege in Deutschland. Chronisch kranke, multimorbide und pflegebedürftige Menschen sind in besonderem Maße auf verlässliche, engmaschige hausärztliche Betreuung angewiesen. Wenn Hausarztpraxen als Steuerungszentrale fungieren, profitieren auch ambulante Pflegedienste und pflegende Angehörige:

  • Bessere Abstimmung: Die Koordination zwischen Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und Apotheken wird verbindlicher und strukturierter.
  • Entlastung im Alltag: Klare Behandlungspfade reduzieren unnötige Facharztbesuche und Transportbelastungen für Pflegebedürftige.
  • Krisenprävention: Durch kontinuierliche Begleitung können Verschlechterungen des Gesundheitszustands frühzeitig erkannt und vermeidbare Krankenhauseinweisungen verhindert werden.

Interprofessionelle Teams als Schlüssel zur Zukunft

Ein zentraler Bestandteil des angestrebten Wandels ist die engere Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams. Hausärztinnen und Hausärzte können die wachsende Zahl älterer Patientinnen und Patienten nur dann adäquat versorgen, wenn speziell qualifizierte Pflegefachkräfte und medizinische Fachangestellte weitergehende Aufgaben übernehmen.

Hierfür müssen rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Delegation und echte Teamarbeit belohnen, anstatt sie durch bürokratische Kontrollen zu erschweren. Nur wenn alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen partnerschaftlich auf Augenhöhe agieren, kann die Transformation der Grundversorgung gelingen.

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