Immer mehr junge Frauen betroffen: Multiple Sklerose nimmt weltweit drastisch zu

Benedikt Hübenthal
Multiple Sklerose: Weltweiter Anstieg bei Frauen im gebärfähigen Alter

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) trifft Patientinnen oft mitten im Leben – in einer Phase, in der Ausbildung, Karriere und vor allem die Familienplanung im Fokus stehen. Eine aktuelle globale Datenauswertung zeigt nun eine besorgniserregende Entwicklung: Die Zahl der Erkrankungen bei Frauen im gebärfähigen Alter ist in den letzten drei Jahrzehnten weltweit massiv in die Höhe geschnellt.

Dramatischer Anstieg der Fallzahlen

Wie aus einer umfassenden Analyse der sogenannten "Global Burden of Disease"-Daten hervorgeht, haben die Diagnosezahlen zwischen 1990 und 2021 signifikant zugenommen. Forscher der Medizinischen Universität Anhui werteten die globalen Gesundheitsdaten aus und kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Neuerkrankungsrate (Inzidenz) bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren stieg in diesem Zeitraum um 48 Prozent. Noch deutlicher fällt der Anstieg bei der Prävalenz aus – also der Gesamtzahl der erkrankten Personen in dieser Altersgruppe. Diese kletterte um beachtliche 66 Prozent nach oben.

Laut der im renommierten Fachjournal Frontiers in Immunology veröffentlichten Studie lebten im Jahr 2021 weltweit mehr als 600.000 Frauen im gebärfähigen Alter mit der chronisch-entzündlichen Nervenerkrankung.

Die Krankheit der tausend Gesichter

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der körpereigene Immunzellen die Schutzschichten der Nervenfasern (Myelinscheiden) in Gehirn und Rückenmark angreifen. Da die Entzündungsherde überall im zentralen Nervensystem auftreten können, sind die Symptome äußerst vielfältig. Zu den häufigsten Beschwerden zählen:

  • Sehstörungen bis hin zum temporären Sehverlust
  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln in den Armen und Beinen
  • Chronische Erschöpfung (Fatigue)
  • Störungen der Koordination und Motorik

MS und Familienplanung: Was betroffene Frauen wissen müssen

Dass ausgerechnet junge Frauen so häufig betroffen sind, stellt die Medizin vor besondere Herausforderungen. Die Diagnose fällt meist in das Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Früher wurde Patientinnen mit MS häufig von einer Schwangerschaft abgeraten – ein überholter Mythos, der heute wissenschaftlich widerlegt ist.

Mediziner betonen heute, dass eine Multiple Sklerose kein Grund ist, auf den eigenen Kinderwunsch zu verzichten. Allerdings erfordert eine Schwangerschaft bei MS eine sorgfältige und frühzeitige ärztliche Planung. Das Immunsystem und der Hormonhaushalt stehen in einem komplexen Wechselspiel. So nimmt die Krankheitsaktivität und das Risiko für Schübe während der Schwangerschaft oftmals ab, kann jedoch in den ersten Monaten nach der Entbindung wieder ansteigen. Hier ist eine enge Abstimmung zwischen Neurologie und Gynäkologie unerlässlich.

Bessere Diagnostik als möglicher Grund

Die Gründe für den weltweiten Anstieg der Fallzahlen sind vielschichtig. Experten gehen davon aus, dass nicht nur Umweltfaktoren und veränderte Lebensstile eine Rolle spielen. Ein entscheidender Faktor für die höheren Zahlen ist auch die deutlich verbesserte medizinische Diagnostik. Durch moderne MRT-Verfahren und feinere neurologische Untersuchungsmethoden wird die Erkrankung heute wesentlich früher und präziser erkannt als noch im Jahr 1990.

Für betroffene Frauen bedeutet die frühe Diagnose vor allem eines: Die Möglichkeit, rechtzeitig mit einer verlaufsmodifizierenden Therapie zu beginnen, um die Lebensqualität langfristig zu erhalten und die Familienplanung sicher in die Wege zu leiten.

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