Krebstherapien geschützt, doch Sparpläne bedrohen Hilfsmittel

Dominik Hübenthal
Hilfsmittelversorgung in Gefahr: Apotheken warnen vor Kassen-Ausschreibungen

Aufatmen auf der einen Seite, wachsende Besorgnis auf der anderen: Im Ringen um geplante Einsparungen der gesetzlichen Krankenversicherung zeichnet sich im parlamentarischen Verfahren zur Notfallreform eine wichtige Weichenstellung ab. Während der Gesetzgeber die hochsensible Zubereitung von Krebsmedikamenten vor riskanten Preiskämpfen bewahrt, droht bei der alltäglichen Versorgung mit Hilfsmitteln ein folgenschwerer Rückschritt für Pflegebedürftige und Patienten.

Entwarnung für Krebspatienten: Zytostatika bleiben ohne Ausschreibungen

Die geplante Wiedereinführung von Ausschreibungen für patientenindividuelle Krebstherapien (Zytostatika) ist nach heftiger Kritik aus der Fachwelt vom Tisch. Vertreter der Apothekerschaft und behandelnde Mediziner hatten vehement vor den Konsequenzen gewarnt: Bei schwerstkranken Menschen zählen oft wenige Stunden, in denen Spezialrezepturen auf Basis aktueller Laborwerte punktgenau angefertigt und verabreicht werden müssen.

Laut dem Deutschen Apothekerverband sind kurze Wege, direkte Absprachen zwischen Arztpraxis und herstellender Apotheke sowie ein engmaschiges Versorgungsnetz unverzichtbar. Ein bundesweiter Preiskampf hätte voraussichtlich dazu geführt, dass nur noch wenige Großlabore die Aufträge erhalten, was Transportwege verlängert und lokale Strukturen gefährdet hätte. Zudem sparen die Krankenkassen bereits erhebliche Summen: Durch einen aktuellen Schiedsspruch bei der Preisbildung für solche Spezialrezepturen fließt den Kassen bereits ein dreistelliger Millionenbetrag pro Jahr zu, was weitere Kürzungsmaßnahmen an dieser Stelle überflüssig machte.

Hilfsmittel im Fokus: Preisdruck gefährdet Pflegequalität

Während die Onkologie aufatmen kann, wächst die Sorge bei Pflegehilfsmitteln und medizinischen Hilfen. Die Regierungsfraktionen halten weiterhin daran fest, Ausschreibungen bei Hilfsmitteln gesetzlich zu verankern, um die Kassenfinanzen zu entlasten. Für pflegebedürftige Menschen, Senioren und deren Angehörige könnte dies jedoch spürbare Nachteile bringen.

Experten warnen eindringlich vor den Folgen reiner Billigvergaben:

  • Verlust individueller Beratung: Hilfsmittel – von Inkontinenzprodukten über Verbandsstoffe bis hin zu Mobilitätshilfen – erfordern eine passgenaue Abstimmung auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten. Wenn Krankenkassen Aufträge ausschließlich an den billigsten Anbieter vergeben, leidet oft die Qualität der Produkte.
  • Rückzug der Apotheken vor Ort: Sinkende Vergütungen und hoher bürokratischer Aufwand könnten dazu führen, dass sich wohnortnahe Apotheken ganz aus einzelnen Versorgungsbereichen zurückziehen.
  • Bürokratie für Pflegende: Wenn regionale Partner wegbrechen, müssen Pflegebedürftige und pflegende Angehörige ihre Versorgungsansprüche über anonyme Fernversorger abwickeln, was zu Lieferverzögerungen und Mehraufwand führt.

Besonders ländliche Regionen unter Druck

Besonders gravierend könnten sich die Pläne auf strukturschwache und ländliche Regionen auswirken. Wenn Patienten nicht mehr die Apotheke ihres Vertrauens für notwendige Pflegehilfsmittel ansteuern können, entstehen empfindliche Versorgungslücken. Betroffene haben dann kaum noch Wahlmöglichkeiten und müssen bei Problemen oder Reklamationen lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Für die häusliche Pflege, die ohnehin unter personellen und finanziellen Engpässen leidet, bedeutet jede Verkomplizierung von Lieferketten eine zusätzliche Belastung. Die Apothekerschaft appelliert daher an die Abgeordneten des Bundestages, auch bei den Hilfsmitteln auf Verlässlichkeit statt auf kurzfristige Sparmanöver zu setzen und die Versorgungsqualität der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen.

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