Lebensgefahr durch Zeitverzug: Sepsis-Diagnostik in Europas Kliniken mangelhaft

Dominik Hübenthal
Sepsis in Kliniken: Mangelhafte Diagnostik kostet nachts Leben

Jede Minute zählt, wenn der Verdacht auf eine Blutvergiftung (Sepsis) besteht. Doch eine aktuelle Untersuchung offenbart gravierende Lücken in der europäischen Krankenhauslandschaft: Die lebensrettende Sepsisdiagnostik hinkt in vielen Kliniken gefährlich hinterher. Besonders alarmierend ist die Situation in den Nachtstunden.

Sepsisversorgung als massives Strukturproblem

Eine Sepsis ist ein medizinischer Notfall, bei dem eine schnelle Erregerbestimmung über Leben und Tod entscheiden kann. Doch genau hier versagen viele europäische Gesundheitseinrichtungen. Zu diesem erschütternden Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam der European Sepsis Care Study Group und der European Sepsis Alliance. Unter der Leitung von Medizinern der Universitätsmedizin Greifswald wurden die Daten von über 900 europäischen Krankenhäusern ausgewertet.

Die in renommierten Fachjournalen wie „The Lancet Regional Health – Europe“ veröffentlichten Ergebnisse zeigen: Die seit Jahren in medizinischen Leitlinien geforderten Maßnahmen zur Erkennung und Therapie der Sepsis sind in der Praxis ungenügend etabliert. Laut dem Forscherteam handelt es sich bei der Sepsisversorgung in den Kliniken um ein handfestes Strukturproblem, das dringend behoben werden muss.

Nachts bleiben 9 von 10 Laboren geschlossen

Für eine zielgerichtete Sepsistherapie ist die schnelle Bestimmung des Erregers sowie ein Test auf Antibiotikaresistenzen zwingend erforderlich. Obwohl viele Labore bereits moderne Schnelldiagnostikverfahren einsetzen, offenbart die Studie eine gefährliche Versorgungslücke: 90 Prozent der für die mikrobiologische Diagnostik zuständigen Labore sind nachts schlichtweg geschlossen. Wer also in den späten Abend- oder Nachtstunden mit einer Sepsis in die Klinik eingeliefert wird, verliert wertvolle Zeit.

Die fatale Rolle der Blutkulturen

Ein weiteres Problem liegt in der fehlerhaften Entnahme der Blutkulturen. Obwohl in fast 85 Prozent der untersuchten Kliniken entsprechende Leitlinien vorhanden sind, hapert es an der Umsetzung. Häufig werden zu wenige Blutkulturproben entnommen oder die abgenommene Blutmenge reicht nicht aus. Wie Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts für Medizinische Mikrobiologie betonen, ist ein ausreichendes Blutvolumen jedoch entscheidend, um den Erreger zweifelsfrei zu identifizieren und zielgerichtet behandeln zu können. Nur so lassen sich auch unnötige und potenziell schädliche Therapien vermeiden.

Was sich in den Krankenhäusern ändern muss

Um die Überlebenschancen von Sepsis-Patienten europaweit zu verbessern, fordern die Wissenschaftler ein grundlegendes Umdenken in den Klinikstrukturen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

  • 24/7-Diagnostik: Mikrobiologische Labore müssen rund um die Uhr besetzt sein, um auch nachts lebensrettende Befunde liefern zu können.
  • Kombination von Verfahren: Der Einsatz von Schnelldiagnostik in Verbindung mit einem durchgehenden mikrobiologischen Service hat sich als am effektivsten erwiesen.
  • Regelmäßige Schulungen: Das medizinische und pflegerische Personal muss kontinuierlich in der korrekten Entnahme von Blutkulturen und der Früherkennung einer Sepsis geschult werden.

Die neuen Erkenntnisse sollen nun als Grundlage für nationale und europäische Strategien dienen, um die Sepsisversorgung endlich auf das Niveau zu heben, das für die Patientensicherheit zwingend erforderlich ist.

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