Mangelernährung in Kliniken bleibt viel zu oft unentdeckt

Dominik Hübenthal
Mangelernährung im Krankenhaus: Häufig unerkannt und unbehandelt

In deutschen Krankenhäusern bleibt ein ernstes Gesundheitsrisiko häufig unbemerkt: Mangelernährung wird bei stationär behandelten Menschen nur in seltenen Fällen offiziell diagnostiziert und noch seltener gezielt therapiert. Dies geht aus einer aktuellen Auswertung von Krankenkassendaten hervor, die von Forschenden des Universitätsklinikums Würzburg im Fachjournal Deutsches Ärzteblatt International veröffentlicht wurde.

Große Diskrepanz zwischen Realität und Dokumentation

Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) gehen davon aus, dass rund 20 bis 30 Prozent aller Patientinnen und Patienten bei der Aufnahme in ein Krankenhaus Anzeichen einer krankheitsbedingten Mangelernährung aufweisen. Besonders ältere Menschen, Krebserkrankte sowie Patientinnen und Patienten mit schweren Infektionen oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen sind stark gefährdet.

Die Realität in den Abrechnungsdaten zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild: Über den mehrjährigen Untersuchungszeitraum hinweg wurde lediglich bei gut einem Prozent der stationär Behandelten eine entsprechende Diagnose kodiert. Noch geringer fiel der Anteil derer aus, die eine strukturierte und dokumentierte ernährungsmedizinische Komplextherapie erhielten.

Schwerwiegende Folgen für den Heilungsverlauf

Eine unzureichende Nährstoff- und Energiezufuhr ist keineswegs ein harmloser Nebeneffekt einer Erkrankung, sondern hat massive Auswirkungen auf die Genesung und das Überleben der Betroffenen:

  • Erhöhte Sterblichkeit: Eine dokumentierte Mangelernährung war in der Analyse mit einem signifikant höheren Mortalitätsrisiko verbunden.
  • Mehr Komplikationen: Ein Nährstoffdefizit schwächt das Immunsystem, verzögert die Wundheilung und begünstigt Infektionen sowie Stürze.
  • Längere Liegezeiten und Wiederaufnahmen: Betroffene verweilen im Schnitt deutlich länger im Krankenhaus und müssen nach der Entlassung häufiger erneut stationär aufgenommen werden.
  • Hohe finanzielle Belastung: Die unzureichende Versorgung treibt auch die Gesundheitskosten deutlich in die Höhe, unter anderem durch aufwendigere Behandlungen und Folgekomplikationen.

Ernährungsteams und Screenings als Schlüssel

Expertinnen und Experten aus Pflege und Medizin mahnen schon lange ein Umdenken an. Während in vielen europäischen Nachbarländern standardisierte Ernährungs-Screenings bei jeder Aufnahme vorgeschrieben sind, fehlen in deutschen Kliniken oft flächendeckende Strukturen und spezialisierte Ernährungsteams.

Ein frühzeitiges Screening auf Gewichtsverlust, verändertes Essverhalten und Allgemeinzustand könnte entscheidend dazu beitragen, gefährdete Patientinnen und Patienten rechtzeitig zu identifizieren. Durch individuelle Ernährungspläne, Trinknahrung oder eine enterale Ernährung lässt sich der Zustand vieler Betroffener rasch stabilisieren – mit spürbarem Nutzen für die Lebensqualität und die Heilungschancen.

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