Neues Blut-Verfahren: Unreife Immunzellen verraten Sterberisiko nach Herzinfarkt

Djamal Sadaghiani
Herzinfarkt: Blutbild zeigt kurzfristiges Sterberisiko (Uni Münster)

Ein Herzinfarkt ist ein einschneidendes Erlebnis, das den gesamten Körper in einen massiven Stresszustand versetzt. Bislang richtete sich der Fokus in der Akutmedizin und Nachsorge primär auf das Herz selbst. Doch eine neue, wegweisende Studie zeigt, dass auch das Immunsystem eine entscheidende Rolle für die Prognose der Patienten spielt. Ein einfaches Blutbild könnte künftig ausreichen, um das kurzfristige Sterberisiko nach einem Infarkt präzise vorherzusagen.

Das Knochenmark im Ausnahmezustand

Wenn ein Herzinfarkt auftritt, schlägt der Körper Alarm. Dies betrifft nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern aktiviert auch massiv die körpereigene Abwehr. Im Zentrum dieses Prozesses stehen die sogenannten neutrophilen Granulozyten, die häufigste Art der weißen Blutkörperchen, welche für Entzündungsreaktionen zuständig sind.

Im gesunden Zustand zirkulieren fast ausschließlich voll ausgereifte Granulozyten im Blut. Erlebt der Körper jedoch einen extremen Stresstest – wie es bei einem Herzinfarkt der Fall ist –, gerät das Knochenmark in einen regelrechten Ausnahmezustand. Um den plötzlichen Bedarf an Immunzellen zu decken, greift der Körper auf seine frühesten Reserven zurück und schüttet auch noch unreife Vorstufen dieser Zellen in die Blutbahn aus.

Der Reifegrad als entscheidender Indikator

Genau dieser Mechanismus rückt nun in den Fokus der medizinischen Diagnostik. Laut einer Arbeitsgruppe unter der Leitung der Universität Münster gibt der Reifegrad der neutrophilen Granulozyten im Blut direkten Aufschluss über das kurzfristige Sterberisiko von Herzinfarkt-Patienten. Das Besondere an dieser Entdeckung: Um diesen Reifegrad zu bestimmen, bedarf es keiner aufwendigen oder teuren Spezialdiagnostik. Ein routinemäßiges, einfaches Blutbild reicht hierfür völlig aus.

In der groß angelegten Untersuchung verglichen die Wissenschaftler Blutproben von Patienten, die unterschiedliche kardiovaskuläre Notfälle erlitten hatten. Untersucht wurden unter anderem Fälle von:

  • Akutem Herzinfarkt
  • Schwerer Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
  • Schlaganfall

Ein Meilenstein für die kardiologische Nachsorge

Die Forschungsergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift Nature Cardiovascular Research veröffentlicht wurden, könnten die kardiologische Notfallmedizin und Nachsorge nachhaltig verändern. Federführend an dem Projekt beteiligt war das Institut für Experimentelle Pathologie am Zentrum für Molekularbiologie der Entzündung der Universität Münster, unterstützt von zahlreichen weiteren Universitätskliniken deutschlandweit.

Durch die schnelle und unkomplizierte Identifizierung von Hochrisikopatienten mittels eines simplen Bluttests könnten Ärzte künftig deutlich schneller reagieren. Patienten mit einem hohen Anteil unreifer Immunzellen im Blut könnten so auf der Intensivstation engmaschiger überwacht und zielgerichteter therapiert werden, um ihr Überleben nach einem Infarkt nachhaltig zu sichern.

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