Schockraum-Transfusion: Vollblut zeigt keine Vorteile

Djamal Sadaghiani
TOWAR-Studie: Vollblut bei Trauma-Transfusionen nicht überlegen | PflegeHelfer24

Bei schweren Unfällen mit massivem Blutverlust zählt jede Sekunde. Eine rasche Bluttransfusion noch am Unfallort oder auf dem Weg ins Krankenhaus kann über Leben und Tod entscheiden. Doch welches Präparat ist am effektivsten? Eine groß angelegte US-Studie liefert nun klare Antworten und zeigt, dass die Gabe von Vollblut gegenüber separaten Blutkomponenten keinen Überlebensvorteil bietet.

Die TOWAR-Studie: Ein Meilenstein in der Notfallmedizin

Lange Zeit galt in der präklinischen Versorgung die Annahme, dass Vollblutkonserven aufgrund ihrer einfachen Handhabung und der direkten Verfügbarkeit aller Blutbestandteile in einem einzigen Beutel entscheidende Vorteile bieten könnten. Um diese These wissenschaftlich fundiert zu überprüfen, wurde die sogenannte TOWAR-Studie (Type O Whole Blood and Assessment of Age during Prehospital Resuscitation) ins Leben gerufen.

Die Ergebnisse dieser groß angelegten Untersuchung wurden kürzlich auf der Jahrestagung der American Thoracic Society in Orlando präsentiert und parallel im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht. An der Studie nahmen über 1.000 schwer verletzte Patientinnen und Patienten im hämorrhagischen Schock teil, die per Rettungshubschrauber in spezialisierte Traumazentren geflogen wurden.

Kein statistischer Überlebensvorteil durch Vollblut

Die Forschenden verglichen zwei Patientengruppen: Die eine erhielt universelles Spender-Vollblut (Blutgruppe 0), die andere eine klassische Komponententherapie, bestehend aus Erythrozytenkonzentraten (rote Blutkörperchen) und Blutplasma. Das primäre Ziel der Untersuchung war es, die Sterblichkeitsrate innerhalb von 30 Tagen nach dem Unfall zu ermitteln.

Das Resultat ist für viele Notfallmediziner aufschlussreich: Es gab keinen statistisch signifikanten Unterschied in der Überlebensrate zwischen den beiden Gruppen. Nach der Bereinigung der Daten lag die 30-Tage-Sterblichkeit in der Vollblut-Gruppe bei knapp 26 Prozent, während sie in der Gruppe mit Komponententherapie bei rund 21 Prozent lag. Auch bei den Komplikationsraten, wie etwa Organversagen oder schweren Infektionen, zeigten sich keine nennenswerten Abweichungen.

Bestätigung durch internationale Forschung

Mit diesen Erkenntnissen steht die amerikanische Studie nicht alleine da. Die Resultate untermauern exakt die Ergebnisse der britischen SWiFT-Studie, die erst vor kurzem auf einem internationalen Symposium für Intensiv- und Notfallmedizin in Brüssel vorgestellt wurde. Auch die europäischen Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Vollblut bei prähospitalen Transfusionen keine messbaren Überlebensvorteile gegenüber der Standardtherapie mit getrennten Komponenten aufweist.

Was bedeutet das für die Praxis?

  • Mehr Flexibilität: Rettungsdienste und Notaufnahmen können weiterhin auf die bewährte Komponententherapie setzen, ohne Nachteile für die Unfallopfer befürchten zu müssen.
  • Logistische Entlastung: Da Vollblut in vielen zivilen Bereichen schwerer verfügbar ist als aufgetrennte Blutprodukte, entfällt der Druck, die präklinische Logistik zwingend und flächendeckend umstellen zu müssen.
  • Fokus auf Zeit: Die wichtigste Erkenntnis bleibt, dass die schnelle Gabe von Blutprodukten – unabhängig von ihrer genauen Form – absolut entscheidend für das Überleben bei massivem Blutverlust ist.

Laut den beteiligten Studienautoren eröffnen die Ergebnisse eine größere Flexibilität für zivile und militärische Rettungsteams. Die intensive Debatte, ob Vollblut in der Traumatologie flächendeckend das Maß der Dinge werden muss, dürfte damit vorerst sachlich beantwortet sein. Am Ende bleibt die schnelle und professionelle Erstversorgung das wichtigste Instrument, um Leben zu retten.

Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?

PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.