Unentdeckte Arztbesuche: Ambulante Versorgung ist wichtiger als gedacht

Benedikt Hübenthal
Studie: Ambulante medizinische Versorgung wird stark unterschätzt

Die Arztpraxen in Deutschland sind voll – doch wie oft Patienten tatsächlich ambulant behandelt werden, wurde bislang offenbar systematisch unterschätzt. Eine aktuelle Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) im Rahmen des Versorgungsatlas 2026 bringt nun erstaunliche Zahlen ans Licht und offenbart eine deutliche Diskrepanz zwischen gemessener und tatsächlicher Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen.

Abrechnungsdaten spiegeln nicht die Realität wider

Bisher stützte sich die Gesundheitspolitik bei der Bedarfsplanung vor allem auf etablierte Kennzahlen wie Behandlungs- oder Arztfälle, die aus den Abrechnungsdaten der Krankenkassen stammen. Doch diese Messgrößen greifen offenbar zu kurz. Das Zi verglich für das Jahr 2024 die selbstberichteten Arztkontakte von rund 27.000 Teilnehmern des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) mit den tatsächlichen vertragsärztlichen Abrechnungsdaten von knapp 74 Millionen gesetzlich Versicherten.

Das Ergebnis überrascht: Die tatsächliche Zahl der ambulanten Versorgungskontakte ist weitaus höher, als es die gängigen Statistiken bisher vermuten ließen. Laut dem Zi-Vorstandsvorsitzenden Dominik von Stillfried brauche die Diskussion über die Inanspruchnahme der ambulanten Versorgung dringend belastbarere Daten, um gesundheitspolitische Fehlplanungen zu vermeiden.

Der feine Unterschied: 14,2 Behandlungstage pro Jahr

Ein genauer Blick auf die konkreten Zahlen verdeutlicht das Ausmaß der statistischen Unterschätzung:

  • In den Umfragen gaben die befragten Patienten durchschnittlich 8,4 Arztkontakte pro Jahr an.
  • Die offiziellen Abrechnungsdaten wiesen lediglich Mittelwerte von 8,0 Behandlungsfällen und 9,5 Arztfällen pro Person aus.
  • Zieht man jedoch die tatsächlichen Behandlungstage heran, liegt der Durchschnitt bei beachtlichen 14,2 Tagen im Jahr.

Die Forscher des Zi schlussfolgern daraus, dass die sogenannten Behandlungstage der wahren Versorgungsrealität am nächsten kommen. Sie fordern nachdrücklich, diese Metrik zukünftig viel stärker in gesundheitspolitische Bewertungen einzubeziehen.

Warum diese Zahlen für das Gesundheitssystem so wichtig sind

Für das deutsche Gesundheits- und Pflegesystem sind diese Erkenntnisse von enormer Bedeutung. Wenn die ambulante medizinische Versorgung deutlich häufiger in Anspruch genommen wird als bislang angenommen, unterstreicht das ihre absolut zentrale Rolle für die flächendeckende Versorgungssicherheit im Land.

Gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel, die zunehmende Multimorbidität älterer Patienten und den drohenden Ärztemangel müssen politische Entscheidungen auf einer grundsoliden Datenbasis fußen. Nur so lassen sich regionale Bedarfe künftig exakt planen und gefährliche Engpässe in der ambulanten Behandlung sowie in der häuslichen Pflege rechtzeitig abwenden.

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