Versorgungslücke bei Alkoholsucht: Nur ein Bruchteil erhält professionelle Therapie

Dominik Hübenthal
Alkoholabhängigkeit: Kaum spezifische Suchttherapie trotz Diagnose

Alkoholismus zählt in Deutschland zu den weitverbreiteten, oft unterschätzten chronischen Erkrankungen. Doch selbst wenn Betroffene eine gesicherte Diagnose erhalten, führt dies nur selten zu einer zielgerichteten Therapie. Das belegt der aktuelle Abschlussbericht des Forschungsprojekts PRAGMA unter der Federführung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), der vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vorgelegt wurde.

Sieben von zehn Betroffenen bleiben ohne spezifische Hilfe

Die Auswertung langjähriger Abrechnungs- und Versorgungsdaten von Krankenkassen, Rentenversicherungsträgern sowie Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe zeichnet ein ernüchterndes Bild: Lediglich 30 Prozent der Patientinnen und Patienten mit einer diagnostizierten Alkoholabhängigkeit nahmen in einem Zeitraum von zwei Jahren nach der Diagnosestellung eine spezifische Suchtbehandlung in Anspruch. Umfassende Kombinationen unterschiedlicher Therapieformen blieben die absolute Ausnahme.

Für die medizinische und pflegerische Versorgung ist dieses Versorgungsdefizit gravierend. Unbehandelte Abhängigkeitserkrankungen verschärfen chronische Vorerkrankungen, belasten das Umfeld und führen zu häufigen Akutaufnahmen in Kliniken, ohne dass an den Ursachen gearbeitet wird.

Strukturelle und persönliche Hürden blockieren den Hilfsweg

Warum so viele Betroffene das Hilfesystem nicht erreichen, untersuchten die Forschenden anhand vertiefender Interviews mit Erkrankten, Angehörigen sowie Fachpersonal. Dabei traten vielschichtige Barrieren zutage:

  • Stigmatisierung und Scham: Die Angst vor sozialer Ächtung und beruflichen Konsequenzen verhindert oft das Eingestehen der Hilfebedürftigkeit.
  • Bürokratische Schwellen: Mangelnde Transparenz über Angebote, komplexe Zuständigkeiten zwischen Kranken- und Rentenversicherung sowie lange Wartezeiten erschweren den Therapiestart.
  • Mangelnde Schnittstellenvernetzung: Häufig fehlt nach einem stationären Entzug oder einer Notfallbehandlung der direkte, nahtlose Übergang in die ambulante Suchthilfe.
  • Unbehandelte Begleiterkrankungen: Psychische Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen bleiben unzureichend integriert behandelt.

Handlungsempfehlungen für das Gesundheitssystem

Um diese Lücken im Versorgungsnetz zu schließen, plädieren die Studienautoren für klare Reformen. Notwendig sei vor allem ein niedrigschwelliger, frühzeitiger Zugang zu Beratungs- und Hilfsangeboten – beispielsweise direkt über Hausarztpraxen und Pflegedienste. Zudem müssten Akutversorgung, ambulante Suchtberatung und psychosoziale Nachsorge enger miteinander verknüpft werden, um Betroffene auf ihrem gesamten Behandlungsweg verlässlich zu begleiten.

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