Bürokratie-Irrsinn: 2,3 Millionen Stunden für Versichertenkarten

Djamal Sadaghiani
Versichertenkarten einlesen: Pflegebranche fordert digitales Ende

In Zeiten akuten Personalmangels zählt in der Pflege jede freie Minute. Dennoch binden analoge Routinen wertvolle Arbeitszeit: Pflegekräfte und Angehörige müssen die elektronischen Gesundheitskarten von Pflegebedürftigen regelmäßig persönlich in Arztpraxen vorlegen, damit Rezepte und Verordnungen abgerechnet werden können. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) schlägt nun Alarm und fordert ein schnelles Ende dieses bürokratischen Aufwands.

Enormer Zeitverlust durch Quartals-Praxisfahrten

Hintergrund des Problems ist die gesetzliche Abrechnungspraxis: Bei Pflegebedürftigen, die in Heimen leben und verschreibungspflichtige Medikamente benötigen oder zu Hause von ambulanten Diensten betreut werden, muss die elektronische Gesundheitskarte in der Regel einmal pro Quartal in der zuständigen Arztpraxis eingelesen werden. Häufig übernehmen Mitarbeiter der Pflegedienste diese Botengänge.

Eine Umfrage des bpa unter mehr als 1.000 Mitgliedsunternehmen verdeutlicht das Ausmaß: Pro Betrieb fallen durchschnittlich 21,6 Stunden Organisationsaufwand pro Quartal an – hochgerechnet auf das gesamte Jahr entspricht dies 86,4 Stunden je Einrichtung. Bei bundesweit rund 26.800 ambulanten Diensten und stationären Pflegeheimen summiert sich dies auf geschätzte 2,3 Millionen Arbeitsstunden jährlich. Hinzu kommen Wartezeiten in den Praxen von durchschnittlich rund 26 Minuten pro Besuch.

Kritik an verpassten Digitalisierungschancen

Verbandspräsident Bernd Meurer kritisierte diesen Zustand gegenüber der Deutschen Presse-Agentur deutlich. Deutschland könne es sich angesichts der wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen schlichtweg nicht mehr leisten, dass Fachkräfte mit Versichertenkarten durch die Gegend fahren oder wertvolle Zeit in Wartezimmern verbringen. Die Arbeitszeit der Pflegenden gehöre ans Krankenbett und in die Betreuung der Menschen.

Lösung über die Telematikinfrastruktur gefordert

Der Pflegeverband sieht eine einfache, zeitgemäße Lösung: Der Gesetzgeber müsse ermöglichen, dass Arztpraxen den Versichertenstatus direkt und abrechnungsfähig über die digitale Telematikinfrastruktur (TI) abrufen. Obwohl Pflegeeinrichtungen inzwischen an dieses Datennetzwerk angebunden sind, fehlt bislang die rechtliche und technische Freigabe für einen solchen kartenlosen Statusabruf.

Vorteile eines digitalen Statusabrufs:

  • Mehr Zeit für Menschen: Millionen eingesparte Stunden fließen direkt zurück in die Betreuung und Pflege.
  • Entlastung der Praxen: Arztpraxen sparen Zeit am Empfang und verringern den Verwaltungsaufwand.
  • Schonung von Ressourcen: Unzählige Botenfahrten und Wege entfallen vollständig.

Die Pflegebranche fordert die Politik auf, bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens Tempo aufzunehmen und praxistaugliche Prozesse zu schaffen, die den Pflegealltag spürbar erleichtern.

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