Bürokratie und lange Wartezeiten: Massive Hürden für Geflüchtete beim Arztbesuch

Djamal Sadaghiani
Arztbesuche von Geflüchteten: Studie zeigt massive Hürden auf

Das deutsche Gesundheitssystem gilt als eines der besten der Welt – doch wer neu im Land ist, steht oft vor einem undurchdringlichen Labyrinth. Für Menschen, die nach Deutschland flüchten, ist der Weg zur medizinischen Hilfe in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft mit massiven Barrieren verbunden. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Gesundheitliche Unterversorgung mit teuren Folgen

Die Analyse verdeutlicht, dass die Hürden weit über bloße Sprachbarrieren hinausgehen. Neben extrem langen Wartezeiten sind es vor allem finanzielle Belastungen und oft unzumutbare Entfernungen, die eine zeitnahe ärztliche Behandlung verhindern. Laut der DIW-Studienautorin Louise Biddle ist diese strukturelle Unterversorgung auch aus ökonomischer Sicht hochproblematisch. Werde die medizinische Versorgung in den ersten Jahren verzögert, verschlechtere sich nicht nur der Gesundheitszustand der Betroffenen drastisch. Langfristig führe dies unweigerlich zu deutlich höheren Kosten für das gesamte Gesundheitssystem, da Krankheiten verschleppt werden und letztlich in teuren Notfall- oder Krankenhausbehandlungen münden.

Die größten Hürden: Orientierung, Wartezeiten und Bürokratie

Die Zahlen der Studie zeichnen ein besorgniserregendes Bild der aktuellen Versorgungslage:

  • Orientierungslosigkeit: Rund ein Drittel der Befragten gibt an, dass es schwierig bis sehr schwierig sei, im Krankheitsfall überhaupt herauszufinden, wo man professionelle Hilfe erhält.
  • Wartezeiten: Über ein Viertel der Geflüchteten klagt über massive Verzögerungen bei der Behandlung. Bei Geflüchteten aus der Ukraine liegt dieser Anteil sogar bei rund 40 Prozent. Zum Vergleich: Auch in der Gesamtbevölkerung ist die Wartezeit auf einen Facharzttermin auf durchschnittlich 42 Tage gestiegen – für neu Angekommene potenziert sich dieses Problem jedoch durch fehlende Netzwerke.
  • Finanzielle Nöte: Etwa 20 Prozent der kürzlich Angekommenen verzichten aus Kostengründen komplett auf notwendige medizinische Leistungen.
  • Geografische Distanz: Insbesondere Menschen, die in ländlichen Gemeinschaftsunterkünften mit schlechter Verkehrsanbindung leben, scheitern oft schon am Weg zur Praxis. Etwa 14 Prozent der nicht-ukrainischen Geflüchteten, die nach 2021 eingereist sind, geben an, dass Entfernungen ihre Versorgung verzögern.

Der Behandlungsschein als bürokratisches Nadelöhr

Ein zentrales Problem stellt die Verwaltungspraxis dar. In vielen Bundesländern erhalten Asylsuchende nicht automatisch eine elektronische Gesundheitskarte (eGK). Stattdessen müssen sie vor jedem Arztbesuch einen sogenannten Behandlungsschein beim zuständigen Sozialamt beantragen. Dieser bürokratische Zwischenschritt verzögert dringend notwendige Behandlungen und bindet gleichzeitig enorme personelle Kapazitäten in den Behörden.

Experten des DIW plädieren daher eindringlich für eine flächendeckende Einführung der elektronischen Gesundheitskarte für Geflüchtete. Erste Erfahrungen aus Kommunen, die diesen Schritt bereits gegangen sind, zeigen, dass dadurch nicht nur administrative Hürden abgebaut, sondern auch signifikante Verwaltungskosten eingespart werden können. Nur durch einen vereinfachten Zugang, so das Fazit der Forscher, ließe sich das Recht auf Gesundheit wahren und das System vor teuren Folgekosten schützen.

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