Demenz-Schutz durch Fleisch? Neue Studie zeigt verblüffende Wirkung bei Risiko-Gen

Benedikt Hübenthal
Demenzrisiko senken: Studie zeigt überraschende Wirkung von Fleisch bei APOE4-Genotyp

Könnte der bewusste Griff zur Fleischtheke das Gehirn vor dem kognitiven Verfall schützen? Für die Allgemeinheit lautet die gängige medizinische Empfehlung zur Demenzprävention meist: Weniger tierische Fette, mehr pflanzliche Kost. Doch eine aktuelle, wegweisende Langzeitstudie aus Schweden rüttelt nun an diesem Dogma – zumindest für eine ganz bestimmte, genetisch vorbelastete Personengruppe.

Paradoxer Effekt: Wenn das Alzheimer-Gen die Ernährungsregeln ändert

Wie eine im renommierten Fachmagazin JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung des Karolinska-Instituts zeigt, könnte der Verzehr von Fleisch bei Menschen mit einem spezifischen Risikoprofil für Alzheimer überraschend schützende Effekte entfalten. Im Zentrum der Forschung standen Träger der sogenannten APOE4-Genvarianten (APOE 3/4 oder 4/4). Diese Genotypen gelten weltweit als einer der stärksten erblichen Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz.

Die Forscher werteten die Daten von über 2.100 Senioren aus, die im Rahmen einer schwedischen Bevölkerungsstudie über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren begleitet wurden. Zu Beginn der Beobachtung litt keiner der Teilnehmer an Demenz. Das verblüffende Ergebnis: Bei den genetisch vorbelasteten Personen, die am meisten Fleisch aßen – im Median rund 870 Gramm pro Woche –, blieb der erwartete drastische kognitive Abbau aus. Tatsächlich wiesen sie ein um bis zu 55 Prozent geringeres Demenzrisiko auf als Träger desselben Risikogens, die nur wenig Fleisch konsumierten.

Evolutionäre Anpassung als mögliche Erklärung

Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch zu bisherigen Ernährungsempfehlungen erklären? Die Wissenschaftler des Karolinska-Instituts vermuten eine evolutionäre Ursache. Die APOE4-Variante ist die entwicklungsgeschichtlich älteste Form dieses Gens. Sie entstand vermutlich in einer Epoche, in der sich unsere Vorfahren stark von tierischen Nahrungsquellen ernährten. Es ist daher denkbar, dass das Gehirn von APOE4-Trägern biologisch besser auf die Verwertung von Nährstoffen aus Fleisch eingestellt ist und diese für den Erhalt neuronaler Netzwerke und den Schutz vor altersbedingtem Abbau zwingend benötigt.

Entscheidendes Detail: Die Qualität des Fleisches

Ein Freifahrtschein für den unbegrenzten Konsum von Wurst und Fast Food ist die Studie jedoch keinesfalls. Die Experten betonen einen essenziellen Unterschied in der Art des Fleisches:

  • Unverarbeitetes Fleisch: Frisches Rind, Geflügel oder Lamm lieferten in der Studie die positiven Effekte. Sie enthalten wichtige Nährstoffe wie hochwertiges Protein, Eisen, Zink und Vitamin B12, die für das Nervensystem essenziell sind und den Körper nicht in einen chronischen Entzündungszustand versetzen.
  • Verarbeitetes Fleisch: Ein hoher Anteil an stark verarbeiteten Produkten wie Wurstwaren war hingegen – völlig unabhängig vom Genotyp – mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert.

Ein Schritt in Richtung personalisierte Ernährung

Die Erkenntnisse markieren einen potenziellen Paradigmenwechsel in der Ernährungsmedizin. Ähnlich wie in der Onkologie, wo Therapien längst auf genetische Profile abgestimmt werden, könnte auch die Demenzprävention der Zukunft weitaus individueller ausfallen. Allgemeine Ratschläge wie "Fleischverzicht ist immer gesund" greifen bei komplexen genetischen Voraussetzungen womöglich zu kurz.

Dennoch weisen die Autoren der im JAMA Network Open publizierten Studie darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die keinen definitiven Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beweisen kann. Bis klinische Leitlinien offiziell angepasst werden, bleibt für die breite Öffentlichkeit die bewährte Regel bestehen: Eine ausgewogene Ernährung mit einem Fokus auf frische, unverarbeitete Lebensmittel ist der beste Weg, um Körper und Geist bis ins hohe Alter fit zu halten.

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