Ungleiche Lasten: AOK-Institut fordert Finanzausgleich in der Pflege

Djamal Sadaghiani
Private vs. Soziale Pflegeversicherung: WIdO fordert Finanzausgleich

Die soziale Pflegeversicherung (SPV) ächzt unter der Last steigender Ausgaben und wachsender Pflegebedürftigkeit. Gleichzeitig verzeichnet die private Pflegeversicherung (PPV) deutlich geringere Kosten – und das, obwohl ihre Versicherten im Durchschnitt älter sind. Eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) liefert nun neuen Zündstoff in der Debatte um die Pflegefinanzierung und fordert einen branchenübergreifenden Finanzausgleich.

Das Paradoxon der Altersstruktur

Bislang argumentierten Kritiker eines Finanzausgleichs häufig, dass die private Pflegeversicherung durch die zunehmende Alterung ihrer Versichertenstruktur in Zukunft ohnehin mit massiven Kostensteigerungen konfrontiert sein werde. Eine Arbeitsgruppe des WIdO rund um die Forscher Dietmar Haun und Robert Messerle hat diese These nun anhand aktueller Finanzkennzahlen und Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) überprüft.

Die Ergebnisse zeigen einen bemerkenswerten Wandel: Während ältere Menschen im Jahr 2005 in der PPV noch unterrepräsentiert waren, hat sich das Blatt mittlerweile gewendet. Laut WIdO lag der Anteil der über 80-Jährigen in der privaten Pflegeversicherung im Jahr 2024 bei 8,7 Prozent. In der sozialen Pflegeversicherung betrug dieser Wert lediglich 6,7 Prozent. Auch in der Altersgruppe der 60- bis 79-Jährigen verzeichnet die PPV mittlerweile einen deutlich höheren Anteil.

Drastischer Unterschied bei der Pflegeprävalenz

Logischerweise müsste ein höheres Durchschnittsalter unweigerlich zu einer höheren Pflegequote und damit zu steigenden Kosten führen. Doch die Realität sieht anders aus. Die Daten des WIdO belegen einen enormen Unterschied in der sogenannten Pflegeprävalenz:

  • Soziale Pflegeversicherung (SPV): 7,6 Prozent der Versicherten sind pflegebedürftig.
  • Private Pflegeversicherung (PPV): Lediglich 4,1 Prozent der Versicherten beziehen Pflegeleistungen.

Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Die Forscher des AOK-Instituts führen dies auf einen stark ausgeprägten Selektionseffekt zurück. Privatversicherte verfügen in der Regel über einen höheren sozioökonomischen Status, was oftmals mit einer besseren Gesundheitsvorsorge und einem gesünderen Lebensstil einhergeht. Dadurch tritt eine Pflegebedürftigkeit bei ihnen seltener oder erst deutlich später im Leben ein.

WIdO fordert stärkere Beteiligung der Privatkassen

Angesichts der massiven finanziellen Schieflage der sozialen Pflegeversicherung sieht das WIdO in diesen Zahlen ein klares Argument für einen Finanzausgleich zwischen SPV und PPV. Die soziale Pflegeversicherung trägt derzeit die Hauptlast der gesamtgesellschaftlichen Pflegekosten, während die private Absicherung von den geringeren Pflegerisiken ihrer Klientel profitiert.

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK stellt sich daher drängender denn je die Frage, ob die private Pflegeversicherung nicht stärker an den solidarischen Lasten der Pflegefinanzierung beteiligt werden muss. Die Diskussion um eine gerechtere Verteilung der Pflegekosten dürfte durch diese fundierte Datenlage in den kommenden Monaten neuen Schwung erhalten – eine Debatte, die für Millionen von Beitragszahlern von enormer Bedeutung ist.

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