Vorbild Frankreich: Pflegekammer NRW fordert mehr Eigenständigkeit für Pflegekräfte
Überfüllte Wartezimmer in den Hausarztpraxen, monatelanges Warten auf Facharzttermine und ein oft unübersichtlicher Dschungel an ambulanten Unterstützungsangeboten: Das deutsche Primärversorgungssystem steht unter erheblichem Druck. Vor allem Menschen mit chronischen Leiden wie Diabetes, Krebs oder Lungenerkrankungen geraten im Versorgungsalltag immer wieder an organisatorische Grenzen. Die Pflegekammer Nordrhein-Westfalen plädiert daher für einen mutigen Blick ins Nachbarland Frankreich, um die medizinisch-pflegerische Basisversorgung grundlegend neu auszurichten.
Frankreichs Modell: Die feste Bezugspflegekraft
Im Zentrum der Initiative steht das französische Konzept der sogenannten infirmière référente. In Frankreich haben chronisch kranke Patientinnen und Patienten einen festen Anspruch auf eine zugeordnete pflegerische Fachkraft als feste Ansprechperson. Diese begleitet die Betroffenen dauerhaft durch ihren Behandlungsalltag, koordiniert Schnittstellen zu Therapeuten und Fachärzten und überwacht den Krankheitsverlauf engmaschig.
Bemerkenswert daran ist der Grad an Eigenständigkeit: Die Pflegefachpersonen übernehmen in klar definierten Bereichen Aufgaben, die in Deutschland bislang rein ärztlichen Tätigkeiten vorbehalten sind. So dürfen sie beispielsweise in der spezialisierten Wundversorgung eigenständig Diagnosen formulieren und Behandlungen anpassen, ohne dass für jede Entscheidung ein Arzt konsultiert werden muss.
Entlastung für Praxen, mehr Sicherheit für Patienten
Die Pflegekammer NRW betonte nach Beratungen auf europäischer Ebene, dass eine solche Struktur das System an entscheidender Stelle entlasten könne. Chronisch Kranke erhalten eine verlässliche Lotsin oder einen verlässlichen Lotsen an ihrer Seite, während Allgemeinmediziner spürbar von wiederkehrenden Routinekontrollen befreit werden.
Nach Einschätzung der Kammer geht es ausdrücklich nicht darum, ärztliche Tätigkeiten zu verdrängen, sondern multiprofessionelle Teams auf Augenhöhe zu etablieren. Pflegefachpersonen bringen eine besondere Nähe zum Alltag der Betroffenen mit: Sie bemerken Verschlechterungen des Allgemeinzustands oft früher als punktuelle Arztvisiten und können präventiv gegensteuern, bevor eine Krankenhauseinweisung nötig wird.
Welche Schritte jetzt in Deutschland nötig sind
Um vergleichbare Modelle in Nordrhein-Westfalen und bundesweit zu realisieren, bedarf es klarer gesetzlicher Weichenstellungen. Experten fordern seit Längerem eine weitergehende Übertragung heilkundlicher Aufgaben auf akademisierte und spezialisierte Pflegefachkräfte. Dazu gehören:
- Rechtliche Befugnisse: Eigenständige Verordnungs- und Dokumentationsrechte in definierten Versorgungsfeldern wie dem Wund- und Schmerzmanagement.
- Feste Primärversorgungszentren: Lokale Gesundheitszentren, in denen Hausärzte und Pflegeexperten gemeinsam chronische Patienten steuern.
- Bürokratieabbau: Vereinfachte Abrechnungswege zwischen Pflegefachpersonen und den gesetzlichen Krankenversicherungen.
Die Debatte um Frankreichs Versorgungsmodell zeigt, dass die Pflegekrise nicht nur durch mehr Personal, sondern vor allem durch moderne Aufgabenverteilungen und den gezielten Einsatz vorhandener Fachkompetenz entschärft werden kann.
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