Wenn die Beine beim Treppensteigen brennen, die Arme beim Haarekämmen schwer wie Blei werden und das Aufstehen aus dem Sessel zu einem täglichen Kraftakt mutiert, verändert sich das Leben grundlegend. Eine schwere Muskelschwäche ist weit mehr als nur eine normale Alterserscheinung. Sie ist ein massiver Einschnitt in die persönliche Freiheit und Mobilität. Viele Betroffene und deren Angehörige versuchen jahrelang, diese schleichenden Einschränkungen durch enorme Kraftanstrengungen oder familiäre Hilfe zu kompensieren. Dabei wird eine entscheidende Frage oft viel zu spät gestellt: Haben Sie bei schwerer Muskelschwäche Anspruch auf einen Pflegegrad?
Die klare Antwort lautet: Ja. Die deutsche Pflegeversicherung knüpft ihre Leistungen nicht an eine bestimmte Diagnose, sondern ausschließlich an den Grad der Selbstständigkeit. Wenn Ihre Muskelschwäche dazu führt, dass Sie Ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen können, steht Ihnen finanzielle und sachliche Unterstützung zu. In diesem umfassenden Ratgeber erfahren Sie detailliert, ab wann sich ein Antrag bei der Pflegekasse lohnt, wie die Begutachtung abläuft und welche konkreten Leistungen Ihnen in den Jahren 2025 und 2026 zustehen.
Muskelschwäche, in der medizinischen Fachsprache oft als Myopathie oder im Alter als Sarkopenie (altersbedingter Muskelschwund) bezeichnet, tritt selten über Nacht auf. Sie ist meist ein schleichender Prozess, der durch verschiedene neurologische Erkrankungen (wie Multiple Sklerose, Parkinson oder ALS), rheumatische Beschwerden, Stoffwechselstörungen oder schlicht durch den natürlichen Alterungsprozess in Kombination mit Bewegungsmangel ausgelöst werden kann.
Für die Pflegekasse ist jedoch nicht primär wichtig, warum Ihre Muskeln schwächer werden, sondern wie sich diese Schwäche auf Ihr tägliches Leben auswirkt. Das deutsche Pflegesystem bewertet den sogenannten Hilfebedarf. Dabei geht es um die Frage: Wie viel Unterstützung benötigen Sie, um einen normalen Alltag zu führen?
Bei einer schweren Muskelschwäche sind es oft die kleinen Dinge, die zuerst unmöglich werden:
Feinmotorik: Das Schließen von Knöpfen, das Öffnen von Flaschen oder das sichere Halten von Besteck wird zur Herausforderung.
Körperpflege: Die Arme über den Kopf zu heben, um die Haare zu waschen, kostet unverhältnismäßig viel Kraft.
Mobilität: Das Aufstehen aus einem tiefen Sessel, der Gang zur Toilette in der Nacht oder das Überwinden von Türschwellen werden zu unüberwindbaren Hindernissen oder bergen ein hohes Sturzrisiko.
Genau an diesem Punkt greift das System der Pflegegrade. Wenn Sie für diese alltäglichen Verrichtungen Hilfe benötigen – sei es durch einen ambulanten Pflegedienst, durch Hilfsmittel oder durch Ihre Angehörigen –, erfüllen Sie in der Regel die Grundvoraussetzungen für einen Pflegegrad.
Ein einfühlsames Gespräch mit dem Gutachter bringt schnell Klarheit.
Um einen Pflegegrad zu erhalten, müssen Sie sich einer Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) (bei gesetzlich Versicherten) oder durch Medicproof (bei privat Versicherten) unterziehen. Das Gutachten basiert auf dem Neuen Begutachtungsassessment (NBA). Dieses System prüft Ihre Selbstständigkeit in sechs verschiedenen Lebensbereichen (Modulen). Bei einer schweren Muskelschwäche wirken sich die Einschränkungen besonders stark auf bestimmte Module aus.
Lassen Sie uns im Detail betrachten, wie sich Ihre Muskelschwäche in der Bewertung durch den Gutachter niederschlagen sollte:
Dieses Modul ist bei Muskelschwäche von zentraler Bedeutung, auch wenn es nur mit 10 Prozent in die Gesamtwertung einfließt. Der Gutachter prüft hier Ihre körperliche Beweglichkeit. Folgende Aspekte werden bewertet:
Positionswechsel im Bett: Können Sie sich aus eigener Kraft vom Rücken auf die Seite drehen? Bei Rumpfmuskelschwäche ist dies oft unmöglich.
Aufstehen und Hinsetzen: Brauchen Sie die Hilfe einer anderen Person, um aus dem Bett aufzustehen oder sich in einen Rollstuhl umzusetzen?
Fortbewegen in der Wohnung: Können Sie sich frei bewegen, oder benötigen Sie einen Rollator, einen Elektrorollstuhl oder die stützende Hand eines Angehörigen?
Treppensteigen: Dies ist oft das erste, was bei nachlassender Beinkraft nicht mehr funktioniert. Wenn Sie Treppen nicht mehr sicher bewältigen können, gibt es hier entscheidende Punkte.
Diese beiden Module bewerten geistige und psychische Aspekte. Auf den ersten Blick scheinen sie bei einer rein körperlichen Muskelschwäche weniger relevant zu sein. Doch Vorsicht: Eine schwere körperliche Einschränkung führt oft zu psychischen Begleiterscheinungen. Wenn Sie beispielsweise aus Angst vor Stürzen nachts unruhig sind, unter depressiven Verstimmungen aufgrund des Autonomieverlustes leiden oder Antriebslosigkeit zeigen, muss dies im Gutachten dokumentiert werden. Auch eine Demenz, die parallel zur Muskelschwäche auftritt, wird hier stark bepunktet.
Dieses Modul ist das Herzstück der Begutachtung. Mit einer Wichtung von 40 Prozent entscheidet die Selbstversorgung maßgeblich über die Höhe Ihres Pflegegrades. Eine schwere Muskelschwäche hat hier gravierende Auswirkungen:
Körperpflege: Wenn Sie sich aufgrund fehlender Kraft in den Armen nicht mehr selbst waschen, duschen oder rasieren können, erhalten Sie hier viele Punkte. Auch das Abtrocknen, das bei Muskelschwäche extrem erschöpfend ist, fällt in diesen Bereich.
An- und Auskleiden: Das Anziehen von Kompressionsstrümpfen, das Schließen von Reißverschlüssen oder das Überstreifen eines Pullovers ist bei nachlassender Muskelkraft oft nur noch mit Hilfe von Angehörigen oder Pflegekräften möglich.
Ernährung: Können Sie Ihr Essen noch selbst mundgerecht zubereiten (z. B. Fleisch schneiden, Brot schmieren)? Können Sie ein volles Glas Wasser sicher zum Mund führen, ohne zu zittern oder es fallen zu lassen?
Toilettengang: Die Fähigkeit, rechtzeitig die Toilette zu erreichen, sich die Kleidung zu richten und sich nach dem Toilettengang zu reinigen, wird hier bewertet. Muskelschwäche in den Beinen und Händen führt hier oft zu einem massiven Hilfebedarf.
Hier wird geprüft, wie viel Hilfe Sie bei medizinischen und therapeutischen Maßnahmen benötigen. Bei schwerer Muskelschwäche fallen oft folgende Punkte an:
Begleitung zu Arztbesuchen oder zur Physiotherapie, da Sie die Wege nicht mehr allein bewältigen können.
Hilfe bei der Medikamenteneinnahme (z. B. wenn Sie Blisterverpackungen aufgrund von Kraftlosigkeit in den Fingern nicht mehr öffnen können).
Anlegen von orthopädischen Hilfsmitteln wie Schienen oder Korsetts.
Muskelschwäche isoliert. Wenn Sie das Haus nicht mehr ohne Hilfe verlassen können, schränkt dies Ihre sozialen Kontakte massiv ein. Der Gutachter bewertet hier, ob Sie Ihren Tagesablauf noch selbstständig strukturieren können, ob Sie in der Lage sind, sich mit Freunden zu treffen, oder ob Sie aufgrund von Erschöpfung (Fatigue-Syndrom) den Großteil des Tages ruhen müssen.
Aus den Ergebnissen der sechs Module errechnet der Gutachter eine Gesamtpunktzahl (von 0 bis 100 Punkten). Diese Punktzahl entscheidet über Ihren Pflegegrad. Bei einer schweren Muskelschwäche ist das Spektrum breit, je nachdem, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist.
Pflegegrad 1 (12,5 bis unter 27 Punkte):Geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. Sie haben leichte Probleme im Alltag, zum Beispiel beim Treppensteigen oder beim Heben schwerer Gegenstände, können sich aber noch weitgehend selbst versorgen.
Pflegegrad 2 (27 bis unter 47,5 Punkte):Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. Dies ist oft der Einstiegspflegegrad bei diagnostizierter, fortschreitender Muskelschwäche. Sie benötigen regelmäßige Hilfe bei der Grundpflege (z. B. beim Duschen) und im Haushalt.
Pflegegrad 3 (47,5 bis unter 70 Punkte):Schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. Ihre Arm- und Beinmuskulatur ist so schwach, dass Sie bei fast allen Verrichtungen der Selbstversorgung (Waschen, Anziehen, Toilettengang) auf tägliche Unterstützung angewiesen sind. Die Mobilität in der Wohnung ist stark eingeschränkt.
Pflegegrad 4 (70 bis unter 90 Punkte):Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. Sie sind größtenteils immobil. Ein Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl ist nur mit Hilfe möglich. Die Nahrungsaufnahme und die komplette Körperpflege müssen von Pflegepersonen übernommen werden.
Pflegegrad 5 (90 bis 100 Punkte):Schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung. Dieser Grad wird bei völliger Immobilität und dem Verlust jeglicher Selbstständigkeit vergeben, oft in Endstadien schwerer neuromuskulärer Erkrankungen, wenn eine 24-Stunden-Pflege oder Intensivpflege notwendig ist.
Ambulante Pflegedienste erleichtern den Alltag bei Muskelschwäche enorm.
Ein anerkannter Pflegegrad öffnet die Tür zu umfassenden finanziellen Hilfen. Die Bundesregierung hat die Pflegeleistungen zum 1. Januar 2025 um 4,5 Prozent erhöht. Diese Beträge sind auch für das Jahr 2026 gültig, da die nächste planmäßige Erhöhung erst für 2028 vorgesehen ist. Wenn Sie an schwerer Muskelschwäche leiden, können Sie folgende Leistungen in Anspruch nehmen:
Wenn Ihre Kinder, Ihr Ehepartner oder Freunde die Pflege zu Hause übernehmen, zahlt die Pflegekasse ein monatliches Pflegegeld. Dieses Geld steht Ihnen zur freien Verfügung und wird meist als Anerkennung an die pflegenden Angehörigen weitergegeben.
Pflegegrad 2: 347 Euro pro Monat
Pflegegrad 3: 599 Euro pro Monat
Pflegegrad 4: 800 Euro pro Monat
Pflegegrad 5: 990 Euro pro Monat
Wenn Ihre Muskelschwäche so ausgeprägt ist, dass professionelle Hilfe nötig wird (z. B. zum Duschen, Anziehen oder zur Medikamentengabe), bezahlt die Pflegekasse einen ambulanten Pflegedienst über die sogenannten Pflegesachleistungen. Die Abrechnung erfolgt direkt zwischen Pflegedienst und Pflegekasse.
Pflegegrad 2: 796 Euro pro Monat
Pflegegrad 3: 1.497 Euro pro Monat
Pflegegrad 4: 1.859 Euro pro Monat
Pflegegrad 5: 2.299 Euro pro Monat
Tipp: Sie können Pflegegeld und Pflegesachleistungen auch kombinieren (sogenannte Kombinationsleistung). Nutzen Sie beispielsweise nur 50 Prozent der Pflegesachleistungen für einen Pflegedienst, erhalten Sie zusätzlich 50 Prozent des Pflegegeldes auf Ihr Konto überwiesen.
Unabhängig davon, ob Sie Pflegegrad 1 oder 5 haben, steht Ihnen jeden Monat ein Entlastungsbetrag von 131 Euro (seit 2025) zu. Dieser Betrag wird nicht bar ausgezahlt, sondern dient der Kostenerstattung für anerkannte Dienstleistungen. Bei Muskelschwäche ist dies besonders wertvoll für:
Alltagshilfen: Einkaufen, Begleitung zu Arztbesuchen oder Spaziergänge.
Haushaltshilfen: Fensterputzen, Staubsaugen oder Wäschewaschen – Aufgaben, die mit schwindender Muskelkraft unmöglich werden.
Seit dem 1. Juli 2025 wurden die bisherige Kurzzeitpflege und die Verhinderungspflege zu einem flexiblen Entlastungsbudget zusammengefasst. Ihnen stehen nun jährlich 3.539 Euro zur Verfügung. Dieses Budget können Sie nutzen, wenn Ihre pflegenden Angehörigen in den Urlaub fahren, selbst krank werden oder einfach eine Auszeit benötigen. Die Pflegekasse finanziert dann eine Ersatzpflegekraft, einen vorübergehenden Aufenthalt in einem Pflegeheim oder eine 24-Stunden-Pflege für diesen Zeitraum.
Weitere offizielle und stets aktuelle Informationen zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen finden Sie auf den Seiten des Bundesministeriums für Gesundheit.
Ein barrierefreies Badezimmer gibt Ihnen wertvolle Sicherheit im Alltag zurück.
Neben den direkten Geldleistungen bietet die Pflegekasse enorme Unterstützung bei der Anpassung Ihres Lebensumfeldes. Gerade bei Muskelschwäche sind Hilfsmittel der Schlüssel, um so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben zu können.
Wenn die Beine nachgeben und Sie stürzen, ist es bei starker Muskelschwäche oft unmöglich, aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Ein Hausnotruf rettet in solchen Situationen Leben. Mit einem anerkannten Pflegegrad übernimmt die Pflegekasse in der Regel die monatlichen Grundkosten (Zuschuss von 25,50 Euro). Sie tragen den Sender als Armband oder Halskette und können jederzeit per Knopfdruck Hilfe rufen.
Treppen werden bei Muskelschwäche oft zum unüberwindbaren Hindernis. Die Pflegekasse gewährt ab Pflegegrad 1 einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro (pro pflegebedürftiger Person im Haushalt) für sogenannte wohnumfeldverbessernde Maßnahmen. Dieses Geld können Sie ideal investieren in:
Einen Treppenlift, der Sie sicher und ohne Kraftaufwand in die nächste Etage bringt.
Einen barrierefreien Badumbau: Der Umbau einer hohen Badewanne zu einer ebenerdigen Dusche reduziert das Sturzrisiko enorm.
Einen Badewannenlift, falls Sie das Baden bevorzugen, aber nicht mehr allein aus der Wanne aufstehen können.
Wenn die Kraft für längere Spaziergänge oder den Weg zum Supermarkt fehlt, droht die soziale Isolation. Ein Elektromobil (Seniorenmobil) oder ein Elektrorollstuhl gibt Ihnen Ihre Unabhängigkeit im Freien zurück. Diese Hilfsmittel werden bei ärztlicher Verordnung in vielen Fällen von der Krankenkasse (nicht der Pflegekasse) bezuschusst oder komplett übernommen.
Ab Pflegegrad 1 haben Sie Anspruch auf Pflegehilfsmittel zum Verbrauch im Wert von bis zu 40 Euro monatlich. Dazu gehören Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen oder Schutzschürzen. Diese Hilfsmittel erleichtern Ihren Angehörigen die hygienische Pflege zu Hause.
Der Weg zur finanziellen Unterstützung muss nicht kompliziert sein, wenn Sie strukturiert vorgehen. Wichtig ist: Zögern Sie nicht. Leistungen werden nicht rückwirkend ab Beginn der Erkrankung gezahlt, sondern erst ab dem Monat der Antragstellung.
Antrag stellen: Ein formloser Anruf oder ein kurzer Brief an Ihre Pflegekasse (diese ist bei Ihrer Krankenkasse angesiedelt) genügt. Sagen Sie einfach: "Ich beantrage Leistungen der Pflegeversicherung." Das Datum dieses Kontakts gilt als Antragsdatum.
Formular ausfüllen: Die Pflegekasse sendet Ihnen daraufhin ein Antragsformular zu. Füllen Sie dieses sorgfältig aus. Wenn Sie Hilfe benötigen, können Sie sich an eine professionelle Pflegeberatung wenden.
Arztberichte sammeln: Bitten Sie Ihren Hausarzt oder Neurologen um aktuelle Befunde, die Ihre Muskelschwäche und deren Auswirkungen dokumentieren.
Pflegetagebuch führen: Dies ist Ihr wichtigstes Werkzeug (siehe nächster Abschnitt).
Der Begutachtungstermin: Der Gutachter des MD oder von Medicproof meldet sich an, um Sie zu Hause zu besuchen und Ihre Selbstständigkeit zu prüfen.
Führen Sie ein Pflegetagebuch, um Ihren tatsächlichen Hilfebedarf genau zu dokumentieren.
Eine schwere Muskelschwäche unterliegt oft tagesformabhängigen Schwankungen. An manchen Tagen können Sie sich vielleicht noch selbst ein Brot schmieren, an anderen Tagen versagen Ihre Hände komplett. Der Gutachter sieht Sie jedoch nur für etwa eine Stunde. Um ihm ein realistisches Bild Ihres Alltags zu vermitteln, ist ein Pflegetagebuch unerlässlich.
Führen Sie dieses Tagebuch für etwa ein bis zwei Wochen vor dem Begutachtungstermin. Notieren Sie minutiös:
Wann brauchten Sie Hilfe? (z. B. morgens um 7:00 Uhr)
Wobei brauchten Sie Hilfe? (z. B. beim Aufstehen aus dem Bett und beim Gang zur Toilette)
Wer hat geholfen? (z. B. die Ehefrau)
Wie sah die Hilfe aus? (z. B. stützendes Halten, komplette Übernahme des Waschens)
Besonderheiten: Notieren Sie unbedingt, wenn Sie aufgrund von Erschöpfung Pausen einlegen mussten. Bei Muskelschwäche dauert das Anziehen oft dreimal so lange wie bei gesunden Menschen. Diese Verlangsamung ist ein wichtiges Kriterium für die Pflegebedürftigkeit.
Der Tag der Begutachtung ist für viele Senioren mit Stress und Scham verbunden. Niemand gibt gerne zu, dass er Hilfe beim Toilettengang oder beim Waschen benötigt. Viele Menschen reißen sich an diesem Tag besonders zusammen, ziehen sich vor Eintreffen des Gutachters unter Schmerzen selbst an und spielen eine Selbstständigkeit vor, die sie im Alltag gar nicht mehr haben. In der Pflegebranche nennt man dies das Fassadensyndrom.
Dies ist der größte Fehler, den Sie machen können!
Der Gutachter kann nur das bewerten, was er sieht und was ihm berichtet wird. Wenn Sie aus falschem Stolz Ihre Muskelschwäche überspielen, wird Ihr Pflegegrad zu niedrig ausfallen oder der Antrag wird komplett abgelehnt. Beachten Sie daher folgende Tipps:
Seien Sie ehrlich: Zeigen Sie Ihre Schwächen. Wenn das Aufstehen aus dem Sessel schwerfällt, dann zeigen Sie das genau so.
Holen Sie Angehörige dazu: Eine vertraute Person sollte beim Termin unbedingt anwesend sein. Angehörige können oft objektiver berichten, wo im Alltag Hilfe benötigt wird, und können eingreifen, wenn Sie aus Scham Dinge verharmlosen.
Legen Sie Hilfsmittel bereit: Wenn Sie einen Rollator, einen Duschhocker oder spezielle Griffhilfen für Besteck nutzen, sollten diese sichtbar bereitstehen.
Beschreiben Sie schlechte Tage: Berichten Sie dem Gutachter explizit von den Tagen, an denen Ihre Muskelschwäche besonders stark ausgeprägt ist. Das Gesetz sieht vor, dass immer der Zustand bewertet wird, der an schlechten Tagen vorherrscht.
Es kommt leider immer wieder vor, dass der erste Antrag auf einen Pflegegrad abgelehnt wird oder die Einstufung zu niedrig ausfällt (z. B. Pflegegrad 1 statt des erhofften Pflegegrad 2). Lassen Sie sich davon nicht entmutigen!
Sie haben das Recht, innerhalb von einem Monat nach Erhalt des Bescheids schriftlich Widerspruch einzulegen. Fordern Sie in Ihrem Widerspruchsschreiben zunächst das Gutachten des MD an. Prüfen Sie dieses Gutachten (am besten gemeinsam mit Ihrem Arzt, einer Pflegeberatung oder einem Pflegedienst) detailliert auf Fehler. Oft werden Einschränkungen bei der Körperpflege oder der Mobilität vom Gutachter übersehen oder falsch eingeschätzt. Begründen Sie Ihren Widerspruch ausführlich anhand Ihres Pflegetagebuchs. In vielen Fällen führt ein fundierter Widerspruch zu einer erneuten Begutachtung und schließlich zum gewünschten Erfolg.
Nein. Zwar ist es hilfreich, wenn ein Arzt die Ursache Ihrer Muskelschwäche (z. B. Polyneuropathie, Sarkopenie oder ALS) diagnostiziert hat, aber für die Pflegekasse zählt ausschließlich der Verlust der Selbstständigkeit. Auch eine altersbedingte, allgemeine Schwäche ohne spezifischen Krankheitsnamen rechtfertigt einen Pflegegrad, wenn Sie dadurch Hilfe im Alltag benötigen.
Der Medizinische Dienst ist angewiesen, den sogenannten regelmäßigen Hilfebedarf zu ermitteln. Wenn Ihre Leistungsfähigkeit schwankt, muss der Gutachter den Zustand bewerten, der an den "schlechten" Tagen vorherrscht, sofern diese schlechten Tage regelmäßig auftreten. Dokumentieren Sie diese Schwankungen unbedingt in Ihrem Pflegetagebuch.
Nein. Der Entlastungsbetrag ist zweckgebunden und darf nur für Dienstleister verwendet werden, die nach Landesrecht anerkannt sind. Das können zertifizierte Alltagsbegleiter, zugelassene Betreuungsdienste oder ambulante Pflegedienste sein. Private Helfer aus der Familie können darüber nicht bezahlt werden.
Ja, in diesem Fall ist oft ein Pflegegrad 1 möglich. Dieser Grad bringt zwar noch kein monatliches Pflegegeld, sichert Ihnen aber den Entlastungsbetrag von 131 Euro für eine Haushaltshilfe, die 40 Euro für Pflegehilfsmittel sowie den Anspruch auf 4.000 Euro Zuschuss für den barrierefreien Umbau Ihres Badezimmers oder einen Treppenlift.
Eine schwere Muskelschwäche verändert das Leben drastisch, aber Sie müssen diese Herausforderung nicht allein bewältigen. Das deutsche Pflegesystem bietet umfangreiche Unterstützung, um Ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich zu erhalten und Ihre Angehörigen zu entlasten.
Die wichtigsten Punkte für Sie im Überblick:
Warten Sie nicht, bis gar nichts mehr geht. Stellen Sie den Antrag auf einen Pflegegrad frühzeitig bei Ihrer Pflegekasse.
Bereiten Sie sich mit einem detaillierten Pflegetagebuch auf den Besuch des Gutachters vor.
Spielen Sie beim Begutachtungstermin keine falsche Stärke vor. Zeigen Sie offen, wo Ihre Muskelschwäche Sie im Alltag einschränkt.
Nutzen Sie die finanziellen Mittel (Pflegegeld bis zu 990 Euro, Pflegesachleistungen bis zu 2.299 Euro in 2025/2026) voll aus.
Profitieren Sie von Zuschüssen für Hilfsmittel wie Hausnotruf, Elektromobile oder den Einbau eines Treppenlifts.
Jeder Mensch hat das Recht auf ein würdevolles und bestmöglich unterstütztes Leben im Alter. Nehmen Sie die Hilfen an, die Ihnen gesetzlich zustehen, und holen Sie sich ein großes Stück Sicherheit und Lebensqualität in Ihren Alltag zurück.
Hier finden Sie kompakte Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um die Beantragung eines Pflegegrads bei Muskelschwäche.