Bundeskartellamt schlägt Alarm: Investoren bedrohen ambulante Versorgung
Immer mehr Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) geraten unter die Kontrolle großer Finanzinvestoren. Das Bundeskartellamt beobachtet diese zunehmende Kommerzialisierung der ambulanten Medizin mit wachsender Sorge. Wettbewerbshüter warnen eindringlich davor, dass in vielen Regionen marktbeherrschende Strukturen entstehen, die den fairen Wettbewerb gefährden und die flächendeckende medizinische Betreuung aus dem Gleichgewicht bringen könnten.
Gesetzeslücken verhindern wirksame Kontrollen
Nach Angaben des Bundeskartellamtes können zahlreiche Praxisübernahmen derzeit überhaupt nicht wettbewerbsrechtlich geprüft werden. Der Grund dafür liegt in den gesetzlichen Schwellenwerten der deutschen Fusionskontrolle: Damit das Kartellamt einschreiten darf, muss das übernommene Unternehmen in der Regel einen Mindestumsatz von 17,5 Millionen Euro im Inland erwirtschaften. Gewöhnliche Arztpraxen und kleinere Zentren erreichen diese Summe jedoch praktisch nie.
Das ermöglicht es großen Investorengruppen und Private-Equity-Fonds, Praxen schrittweise aufzukaufen – Praxis für Praxis, völlig unbemerkt und ohne vorherige behördliche Prüfung. So entstehen über die Zeit hinweg marktbeherrschende Netze in einzelnen Fachbereichen wie der Augenheilkunde, Zahnmedizin oder Radiologie.
Kritik an rein renditeorientierter Patientenversorgung
Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen schlagen Alarm und fordern von der Politik ein sofortiges Eingreifen. Vertreter der Ärzteschaft warnen davor, dass internationale Finanzfonds medizinische Einrichtungen vorrangig nach betriebswirtschaftlichen Kriterien und Renditezielen ausrichten. Dadurch drohe ein gezieltes Ausdünnen des Angebots:
- Fokus auf gewinnbringende Leistungen: Lukrative Eingriffe und Privatleistungen werden forciert, während zeitintensive oder gering vergütete Behandlungen vernachlässigt werden.
- Gefahr für Grundversorgung: Unrentable Pflichtaufgaben und die zeitaufwendige Betreuung chronisch Kranker geraten ins Hintertreffen.
- Verlust ärztlicher Unabhängigkeit: Angestellte Mediziner geraten zunehmend unter Druck, starre wirtschaftliche Umsatzvorgaben zu erfüllen.
- Versorgungslücken im ländlichen Raum: Renditeorientierte Träger meiden strukturschwache Gebiete, was die Ungleichheit zwischen Stadt und Land weiter verschärft.
Forderung nach Transparenz und Marktbeschränkungen
Um das Gemeinwohl und die wohnortnahe Versorgung dauerhaft zu sichern, fordern Ärztevertreter und Wettbewerbsexperten grundlegende Reformen. Unter anderem verlangen sie, dass sämtliche Eigentümerstrukturen und Hintermänner hinter MVZ-Ketten lückenlos offengelegt werden müssen. Zudem sollten regionale Marktanteile für Großkonzerne gesetzlich gedeckelt und die Fusionskontrolle so angepasst werden, dass auch Praxiskäufe unterhalb der bisherigen Umsatzschwellen erfasst werden.
Die Warnung der Wettbewerbshüter verdeutlicht den dringenden Handlungsdruck auf den Gesetzgeber: Ohne klare Schranken droht das Gesundheitssystem weiter zum Spekulationsobjekt von Finanzmärkten zu werden – auf Kosten von Patienten und Pflegebedürftigen.
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