Primärversorgung: Wie feste Lotsen das Termindilemma lösen sollen

Dominik Hübenthal
Primärversorgung reformieren: Schneller zum Facharzt durch Steuerung

Wer dringend einen Termin beim Facharzt benötigt, braucht im deutschen Gesundheitssystem oft sehr viel Geduld. Wochen- oder monatelange Wartezeiten gehören längst zum Alltag vieler Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig klagen Arztpraxen und Notaufnahmen über eine chronische Überlastung. Wie dieser Teufelskreis durchbrochen werden kann, diskutierten Gesundheitsexperten auf der 34. Plattform Gesundheit der Innungskrankenkassen.

Deutschland im internationalen Vergleich: Viele Arztbesuche, wenig Steuerung

Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine Besonderheit auf: Nirgendwo sonst in den untersuchten OECD-Ländern suchen Versicherte im Schnitt so häufig ärztliche Hilfe auf, ohne dass eine vorherige Koordination stattfindet. Das Prinzip der freien Arztwahl führt vielerorts dazu, dass Patientinnen und Patienten ohne Vorab-Einschätzung direkt Spezialpraxen ansteuern oder bei unklaren Beschwerden Krankenhäuser aufsuchen. Die Folge sind Doppeluntersuchungen, verstopfte Wartezimmer und ein ineffizienter Einsatz von wertvoller Arbeitszeit des medizinischen Personals.

Laut den Verantwortlichen des IKK e.V. benötigt das System einen strukturellen Kurswechsel. Eine alternde Gesellschaft bringt naturgemäß einen höheren Anteil an chronischen Vorerkrankungen und komplexen Pflegebedarfen mit sich. Wenn Behandlungen künftig zunehmend ambulant statt stationär stattfinden sollen, müssen die bestehenden Praxiskapazitäten gezielter und zielgerichteter genutzt werden.

Das Lotsenprinzip: Hausärzte und digitale Ersteinschätzung

Im Zentrum der Reformüberlegungen steht eine koordinierte Primärversorgung. Patientinnen und Patienten sollen von Beginn an verlässlich durch den Versorgungsdschungel navigiert werden. Kernbausteine dieses Modells sind:

  • Verbindliche Koordination: Hausärztliche Praxen und Primärversorgungszentren fungieren als erste Anlaufstelle und steuern den weiteren Weg durch die Fachdisziplinen.
  • Digitale Ersteinschätzung: Über strukturierte Instrumente, etwa durch den gezielten Ausbau der Rufnummer 116 117 oder digitale Gesundheitsportale, wird vorab geklärt, welche Versorgungsebene wirklich nötig ist.
  • Interprofessionelle Teams: Die Entlastung der Ärzteschaft gelingt nur, wenn qualifizierte Pflegefachkräfte und therapeutische Berufe erweiterte Aufgaben in der Versorgung und Beratung übernehmen dürfen.

Vorteile für Pflegebedürftige und chronisch Kranke

Gerade für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige könnte eine stärkere Koordination spürbare Erleichterung bringen. Wenn mehrere chronische Leiden parallel behandelt werden müssen, drohen ohne Lotsenfunktion oft Wechselwirkungen bei Medikamenten oder widersprüchliche Therapievorgaben. Ein festes medizinisches Primärteam, das den Überblick behält und notwendige Facharzttermine priorisiert vermittelt, spart nicht nur Wege, sondern schützt auch vor Fehlversorgung.

Damit der Wechsel gelingt, bedarf es nun klarer gesetzlicher Weichenstellungen. Ziel ist es, die Qualität der medizinischen Versorgung auf Dauer zu sichern und sicherzustellen, dass Termine künftig nach Dringlichkeit und medizinischem Bedarf vergeben werden – und nicht danach, wer das meiste Glück beim Telefonieren hat.

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