Medikamente gegen Nebenwirkungen: Die unterschätzte Gefahr im Alter

Benedikt Hübenthal
Verordnungskaskaden bei Senioren: Wenn Tabletten neue Krankheiten vortäuschen

In der Pflege und Betreuung älterer Menschen gehört der tägliche Griff zur Medikamentenbox zur Routine. Doch wenn die Zahl der einzunehmenden Tabletten stetig wächst, steckt dahinter nicht immer eine fortschreitende Grunderkrankung. Oft setzt eine sogenannte Verordnungskaskade ein: Ein Medikament verursacht unerwünschte Nebenwirkungen, die vom medizinischen Personal oder den Behandelnden irrtümlich als neue Krankheit interpretiert und wiederum mit einem weiteren Präparat therapiert werden.

Wenn Nebenwirkungen als neue Leiden fehlgedeutet werden

Mit zunehmendem Alter verändern sich Stoffwechsel und Organfunktionen. Nieren und Leber bauen Arzneistoffe langsamer ab, wodurch die Anfälligkeit für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) spürbar ansteigt. Eine im renommierten Fachjournal The BMJ veröffentlichte Populationsstudie mit mehr als 2,2 Millionen älteren Menschen verdeutlicht nun das Ausmaß dieser potenziell ungeeigneten Verordnungskaskaden.

Die Forschenden identifizierten mehrere Dutzend typische Kaskadenmuster, die im Praxisalltag häufig auftreten. Besonders Herz-Kreislauf-Medikamente und gängige Schmerzmittel stehen oft am Beginn einer solchen Kette. Ein klassisches Beispiel: Werden gegen Gelenkschmerzen dauerhaft nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) verabreicht, kann dies den Blutdruck steigern. Statt das Schmerzmittel zu reduzieren oder auszutauschen, wird nicht selten ein neues Blutdrucksenkungs-Präparat angesetzt.

Typische Kettenreaktionen im Pflegealltag

Verordnungskaskaden sind ein wesentlicher Treiber für Polypharmazie – also die gleichzeitige dauerhafte Einnahme von fünf oder mehr Wirkstoffen. Zu den typischen Risikokombinationen zählen unter anderem:

  • Blutdrucksenker und Diuretika: Bestimmte Kalziumkanalblocker können zu Knöchelödemen (Wassereinlagerungen) führen, woraufhin entwässernde Tabletten verschrieben werden.
  • Schmerztherapie und Magen-Darm-Präparate: Schmerzmittel führen mitunter zu Übelkeit oder Verstopfung, die daraufhin symptomatisch mit weiteren Medikamenten behandelt werden.
  • Demenzmedikamente und Inkontinenzmittel: Bestimmte Cholinesterasehemmer können als Nebeneffekt den Harndrang verstärken, was zum Einsatz von krampflösenden Blasenmedikamenten verleitet.

Hohe Risiken: Stürze, Verwirrtheit und Klinikaufenthalte

Für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige birgt diese Medikamentenspirale erhebliche Gefahren. Jede zusätzliche Tablette vervielfacht das Risiko unkalkulierbarer Wechselwirkungen. Typische Folgen einer solchen Übermedikation sind Schwindel, Gangunsicherheit, Stürze, Appetitlosigkeit und akute Verwirrtheitszustände. Ein beträchtlicher Teil der geriatrischen Krankenhauseinweisungen ist direkt auf vermeidbare Medikationsfehler zurückzuführen.

Was Angehörige und Pflegekräfte tun können

Um Verordnungskaskaden zu durchbrechen, ist ein aufmerksames Medikationsmanagement unverzichtbar:

  • Symptome zeitlich abgleichen: Tritt ein neues Leiden kurz nach Beginn oder Dosiserhöhung eines Medikaments auf, sollte stets zunächst eine Nebenwirkung in Betracht gezogen werden.
  • Regelmäßiger Medikations-Check: Hausärztliche Praxen und Apotheken bieten strukturierte Medikationsanalysen an, bei denen die Notwendigkeit jedes einzelnen Präparats hinterfragt wird.
  • Aktuellen Bundeseinheitlichen Medikationsplan (BMP) führen: Alle verordneten sowie frei verkäuflichen Präparate sollten lückenlos dokumentiert sein, damit behandelnde Fachärzte den Gesamtüberblick behalten.
  • Konzept des „Deprescribing“ nutzen: Gemeinsam mit dem Arzt prüfen, ob Dosierungen reduziert oder nicht mehr zwingend erforderliche Wirkstoffe schrittweise abgesetzt werden können.

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