Psychische Erkrankungen: Fehltage in zehn Jahren um 42 Prozent gestiegen
Seelische Erkrankungen entwickeln sich immer mehr zum zentralen Treiber für Arbeitsausfälle in Deutschland. Binnen zehn Jahren ist die Zahl der Fehltage aufgrund mentaler Leiden bei den gesetzlich versicherten Erwerbstätigen um knapp 42 Prozent in die Höhe geschnellt. Das geht aus dem aktuellen Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor, der die Entwicklung bis ins Jahr 2025 beleuchtet und die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in den Mittelpunkt stellt.
Lange Ausfallzeiten belasten Betroffene und Betriebe
Die Zahlen verdeutlichen eine besorgniserregende Dynamik: Während im Jahr 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder erfasst wurden, stieg dieser Wert zuletzt auf 403 Fehltage an. Besonders dramatisch stellt sich die Lage bei der Diagnose Burnout dar, bei der in diesem Zeitraum ein sprunghafter Zuwachs von rund 77 Prozent registriert wurde.
Zwar machen banale Atemwegsinfekte und Erkältungskrankheiten nach wie vor die absolute Mehrheit der gemeldeten Krankheitsfälle aus, doch in der Dauer des Ausfalls gibt es gravierende Unterschiede:
- Dauer je Fall: Krankschreibungen wegen psychischer Diagnosen dauern im Schnitt 28,5 Tage – also fast einen vollen Monat.
- Vergleich mit Infekten: Bei Atemwegserkrankungen liegt die durchschnittliche Dauer bei lediglich 5,7 Tagen.
- Häufige Diagnosen: Zu den häufigsten Ursachen zählen depressive Episoden, wiederkehrende depressive Störungen sowie Anpassungsstörungen und akute Reaktionen auf schwere Belastungen.
Pflegeberufe zählen zu den am stärksten betroffenen Gruppen
Ein genauer Blick in die Branchenauswertungen offenbart ein alarmierendes Bild für den Gesundheits- und Pflegesektor. Beschäftigte in der Altenpflege sowie Fachkräfte in der Krankenpflege weisen deutlich überdurchschnittliche Ausfallquoten auf. Während der allgemeine Bundesdurchschnitt über alle Berufszweige hinweg bei 17,4 Krankschreibungen pro 100 Beschäftigten liegt, klettern die Werte in der Fachkrankenpflege auf 31,2 und in der Altenpflege auf 29,5 Fälle.
Chronischer Personalmangel, Schichtdienst, hohe Verantwortung und die kontinuierliche emotionale Konfrontation mit Leid und Tod schaffen ein Arbeitsumfeld, das das seelische Wohlbefinden extrem herausfordert. Wenn Pflegende selbst erkranken und über Wochen ausfallen, verschärft dies die Belastung für das verbleibende Team zusätzlich – eine Abwärtsspirale, die vielerorts zur Zerreißprobe wird.
Entstigmatisierung und gezielte Prävention gefordert
Fachleute und Krankenkassen weisen darauf hin, dass der Anstieg der Zahlen zumindest teilweise auch auf einen offeneren Umgang mit mentalen Problemen zurückzuführen ist: Psychische Erkrankungen werden heute früher diagnostiziert und weniger verschwiegen als noch vor einem Jahrzehnt. Dennoch bleibt der Handlungsbedarf immens.
Um dem Trend entgegenzuwirken, fordern Gesundheitsexperten einen entschiedenen Ausbau des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Notwendig seien nicht nur flexible Arbeitszeitmodelle und verlässliche Dienstpläne, sondern vor allem Führungskräfte, die geschult sind, erste Warnsignale von Überlastung frühzeitig zu erkennen. Niedrigschwellige Beratungsangebote, Supervisionen sowie gezielte Resilienztrainings müssen fester Bestandteil des Arbeitsalltags werden, um Mitarbeitende dauerhaft vor seelischer Erschöpfung zu schützen.
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