Streeck warnt vor Kürzungen: Suchthilfe ist eine unverzichtbare Pflichtaufgabe

Benedikt Hübenthal
Drogenbeauftragter Streeck: Suchthilfe ist keine freiwillige Leistung

Öffentlicher Drogenkonsum und sichtbare Verelendung auf deutschen Straßen sind nach Ansicht von Fachleuten kein isoliertes Ordnungs- oder Sicherheitsproblem, sondern Ausdruck tiefer gesundheitlicher Krisen. Beim Fachkongress der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) fand der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck, deutliche Worte: Hilfs- und Beratungsangebote für abhängigkeitskranke Menschen dürfen keinesfalls als freiwillige Zusatzleistung verstanden oder dem Rotstift geopfert werden.

Sichtbare Not ist das Ende eines langen Leidenswegs

Wenn Menschen im öffentlichen Raum Drogen wie Crack konsumieren oder infolge schwerer Abhängigkeiten unter akuten Psychosen leiden, handele es sich um den Endpunkt einer langen, oft unbemerkten Abwärtsspirale. Statt die Diskussion vorrangig auf Sicherheitsbedürfnisse, Sauberkeit oder das Stadtbild zu verengen, müsse die Gesundheit der Betroffenen im Mittelpunkt stehen. Wer Suchterkrankungen rein repressiv begegne, verkenne deren medizinischen und psychosozialen Charakter.

Um Betroffenen wirksam zu helfen und den Ausstieg aus der Abwärtsspirale zu ermöglichen, forderte der Drogenbeauftragte ein tragfähiges Netz aus niedrigschwelligen Hilfsangeboten. Dazu gehören insbesondere:

  • Sichere Übernachtungsmöglichkeiten: Wer auf der Straße lebt und um die bloße Existenz kämpft, kann kaum komplexe Therapiepläne einhalten.
  • Konsumräume mit Begleitung: Schutzräume minimieren lebensgefährliche Risiken, verhindern Infektionen und schaffen erste Kontakte zu Hilfssystemen.
  • Niedrigschwellige Zugangswege: Direkte Überleitungen in die medizinische Entgiftung, Substitution und langfristige Rehabilitation.
  • Prävention vor Ort: Frühzeitige Hilfen, bevor sich chronische Suchterkrankungen und schwere Folgeschäden verfestigen.

Sparen an Prävention belastet Kliniken und Notaufnahmen

Werden Beratungsstellen und aufsuchende Sozialarbeit finanziell ausgehungert, spart das Gesundheitssystem nach Streecks Einschätzung kein Geld, sondern verlagert die Lasten lediglich auf andere Schultern. Unbehandelte Abhängigkeiten führen unweigerlich zu vermehrten Einsätzen von Polizei und Rettungsdiensten, chronisch überlasteten Notaufnahmen und hohen Justizkosten. Vor allem aber werde der Mangel an präventiver Unterstützung mit unermesslichem individuellem Leid bezahlt.

Hinzu kommt eine rasante Veränderung des Drogenmarktes. Illegale Substanzen, hochpotente synthetische Stoffe und neue Mischformen verbreiten sich heute vielfach über digitale Kanäle und Messengerdienste. Diese Dynamik vollzieht sich oft schneller, als offizielle Erhebungen und herkömmliche Kontrollmechanismen hinterherkommen, was den Bedarf an flexiblen und gut ausgestatteten Beratungsstellen weiter erhöht.

Vorurteile abbauen: Sucht ist eine Erkrankung

Ein zentrales Hindernis auf dem Weg zur Besserung bleibt die anhaltende gesellschaftliche Stigmatisierung von Abhängigkeitserkrankungen. Während das Verständnis für psychische Belastungen wie Depressionen oder Burnout in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen ist, schlägt suchtkranken Menschen noch immer häufig Ablehnung entgegen. Werden Betroffene primär als willensschwach abgestempelt, steigt die Hemmschwelle dramatisch, sich rechtzeitig professionelle Unterstützung zu suchen. Eine zukunftssichere Sucht- und Pflegepolitik muss daher auf frühzeitige Hilfe, Respekt und stabile Versorgungsstrukturen setzen.

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